Sonntag, 5. Januar 2025

 

Involution-Evolution bei Wilber und der Info-Spin im evolutionären Idealismus

1. Vorgeschichte

Mein letzter Blogbeitrag vom 25. April 2021 beschäftigte sich mit einer Kritik an Ken Wilbers integralem AQAL-Modell. Ein Punkt, der mir nicht ganz klar wurde, war die Einschätzung von Ken Wilbers Standpunkt zur Evolutionstheorie. Ich habe zwar fast alles von Wilber gelesen und weiß durchaus, dass ich bei manchen seiner Erklärungen einen anderen Standpunkt vertrete – wie etwa bei der «Involution» oder beim Begriff der «Seele», wenn es bei ihm heißt, dass ab einem gewissen Entwicklungsstadium die Seele von oben eindringt – wusste aber nicht, ob es an meinem mangelnden Verständnis bei Wilbers Texten lag oder wirklich daran, dass ich mit meinem EvId (= Evolutionärer Idealismus) eine andere Theorie dazu vertrat. Aus diesem Grund habe ich nach näheren Informationen recherchiert. Dabei fand ich die Kritik von Frank Visser «Warum Ken Wilber bei der Evolution falschliegt und die Beweise dafür ignoriert» aus den Jahren 2010 und überarbeitet 2020. Dieser Text kritisiert Wilber, bietet aber keine Alternative. Deshalb habe ich mich dazu entschlossen, eine Analyse des Visser-Textes zum Anlass zu nehmen, das Konzept des Info-Spins im EvId besser herauszuarbeiten. Auch im Hinblick auf Fragen, die mich in der Vergangenheit immer wieder erreichten, mit dem Anliegen, den Info-Spin, der doch eine zentrale Komponente meiner Philosophie ist, genauer zu erläutern.

2. Einführung

In Wilbers integraler Theorie taucht immer wieder die Idee auf, dass Evolution ein spirituelles Phänomen ist, bei dem der Geist (im individuellen Holon) und der GEIST (als ganzheitliches Phänomen) eine wichtige Rolle spielen. Evolution wird von «Spirit» (Geist / Eros / Atman) geleitet und steuert teleologisch auf den «Spirit» (GEIST / Punkt-Omega / Brahman) zu. Das ist in meinem EvId ebenso. Auch in meiner Philosophie sind diese beiden Perspektiven des Subjektiven Triebfedern der objektiven Evolution. Aber es gibt eben auch wichtige Unterschiede, wie die teleologische Kraft des Geistes in der Evolution genau eingreifen.

3. Vissers Kritik an Wilber

Sehen wir uns zuerst die Kritik an Wilbers Standpunkt zur Evolution an (wobei ich mich dabei an die Beschreibungen von Frank Visser halte):

Während die Konzepte von Holons, Haufen oder Artefakte; Quadranten, Ebenen, Linien, Typen und Zustände alle psychologischer oder philosophischer bzw. erkenntnistheoretischer Natur sind, gibt es ein Konzept, welches erst die spirituelle Komponente in die integrale Theorie einbringt: Das Konzept von Involution und Evolution. Nur damit geht das Modell über eine rationale, materialistische Erklärung der Wirklichkeit hinaus. Damit wird es spirituell. Hier kommen Geist und GEIST ins Spiel. Die subjektive Seite der Wirklichkeit wird damit mehr als eine psychologische Komponente des Systems. Sie trägt zu einer nichtmateriellen Erklärung der Welt bei. Aber wie sehr ist dieses spirituelle Modell nun in wissenschaftlichen Fakten verwurzelt? Beachtet es den Stand der modernen Forschung?

Der Vorwurf an Wilber liegt nun darin, dass er sich um solche Forschungsergebnisse nicht kümmert und stattdessen seine ganz eigene Interpretation des Darwinismus als Grundlage für seine Theorie als Basis nimmt, um die Evolutionstheorie ins Spirituelle zu transzendieren.

Zunächst ist es klar, dass sich die Wissenschaft nicht auf einen Geist berufen kann, um Unerklärliches zu erklären. Das liegt außerhalb ihrer Kompetenzgrenzen. Aber andererseits ist es auch keine gute Idee, sich auf (bisher) wissenschaftlich Unerklärliches zu berufen, um den Geist in eine allumfassende Theorie einzubinden. Denn sonst kommt man in dieselbe Situation, in der die Kirche nach der Aufklärung steckte, als man von der «Wohnungsnot Gottes» sprach, weil der Kirche mit jeder wissenschaftlichen Entdeckung immer mehr «Beweise» für die Existenz Gottes abhandenkamen. Das brachte sie schließlich dazu, neue Erkenntnisse der Wissenschaft einfach zu ignorieren, um am Gottglauben festhalten zu können. Auch wurden wissenschaftliche Theorien falsch dargestellt, um weiterhin einen nötigen spirituellen Einfluss geltend machen zu können. Dies ist auch die Basis des Kreationismus.

Wissenschaft geht verständlicherweise nicht von einem höheren Sinn oder von einem Endzweck der Evolution aus, sondern versucht, empirisch das Geschehen auf Ursache und Wirkung zurückzuführen. Das ist ihre Aufgabe, die man ihr nicht zum Vorwurf machen kann. Aber daraus eine Sinnlosigkeit der Welt und des Lebens abzuleiten ist ein psychologisches Problem. Dann neigt man dazu spirituelle Scheinlösungen zu akzeptieren, indem man Wissenschaft ignoriert.

Präsentiert Wilber eine solche Scheinlösung? Und wenn ja, welche Fakten blendet er dazu aus?

«Evolution ist das Produkt von Zufall und Notwendigkeit.» So lässt sich die wissenschaftliche Theorie der Evolution zusammenfassen. Nun fragt sich der Laie, wie so vielschichtige Dinge wie Organismen mit ihren komplex aufgebauten Organen ein Produkt bloßen Zufalls sein können? Tatsächlich ist der Kosmos trotz seiner 13,7 Milliarden Jahre nicht alt genug, dass das Leben die nötige Zeit gehabt hätte, aus purem Zufall zu entstehen. Wer kannt nicht die Metapher des Wirbelsturms am Schrottplatz, der zufällig eine Boeing 737 zusammenschraubt, oder die Horde Affen, die wild auf Schreibmaschinen rumtippen und zufällig Shakespeares Hamlet schreiben? Zufall alleine reicht nicht. Nicht einmal für ein Enzym. Das lässt sich mathematisch beweisen. Die Wahrscheinlichkeit ist zu gering.
Das macht natürlich anfällig für andere Erklärungen. Wenn der Geist in den Dingen, die Evolution steuert, dann würde das erklären, wie in so kurzer Zeit der Mensch entstehen konnte. Aber es handelt sich dabei um ein Strohmann-Argument. Die Aussage der Wissenschaft wird verzerrt wiedergegeben, damit man sie besser kritisieren kann. Danach wird eine Lösung für ein Problem angeboten, das so gar nicht existeiert.

Kann man eine solche Scheinlösung in Wilbers Werk erkennen? Und worin genau liegt der Irrtum?

In seinem Buch «Spektrum des Bewusstseins» von 1977 tauchen die Begriffe «Involution» und «Evolution» bereits auf. Wobei damals die Bedeutung noch dergestalt war, dass Evolution eher mit dem identisch war, was man philosophisch Emanation nennt, also das sich-selbst-Ausgießen-Gottes in die Vielfalt der manifestierten Welt, während Involution die Entwicklung der Einzelseelen zurück zur göttlichen Einheit bezeichnete. Das war in der Phase eins seines Wirkens (von denen er selbst fünf unterscheidet), indem er weitgehend die romantischen Ideen von C.G.Jung vertritt, die in spirituellem Wachstum eine Rückkehr zu einem verlorenen (infantilen) Zustand sieht.

Im «Atman Projekt» von 1980 – welches in Phase zwei fällt, in der er sich mit Entwicklungspsychologie auseinandersetzt und das erste mal das Konzept der Prä-Trans-Verwechslung einführt – wird die Bedeutung umgedreht. Diesmal ist Involution die Abwärtsbewegung Gottes zur Vielheit in der manifestierten Welt, während Evolution die Aufwärtsbewegung der Welt zur Einheit mit Gott ist. Und damit wird der Geist, der Spirit die treibende Kraft hinter der Evolution, wie sie die Wissenschaft versteht. Schon damals meinte er, dass natürliche Selektion die hierarchische Gliederung von Ganzheiten in Ganzheiten nicht erklären kann. Dies werde erst verständlich, wenn man Evolution als die Umkehrung der Involution betrachtet. Die wissenschaftliche Theorie der natürlichen Auslese leide daran, dass sie nicht erkennt, welche Rolle der Geist in der Evolution spielt. Deshalb ist der Titel seines nächsten Buches auch Halbzeit der Evolution. Der Mensch ist ein Wesen, nicht mehr Tier und noch nicht Gott.

In «Eros, Kosmos, Logos», dessen Untertitel im Original «The Spirit of Evolution» lautet, erklärt er, dass der Darwinismus zwar die Mikro- aber nicht die Makroveränderungen erklären könne. Was er genau damit meint, wird deutlich, wenn er annimmt, die Evolution benötige hunderte gleichzeitig auftretende Mutationen, um aus Vorderbeinen funktionsfähige Flügel zu machen. Er befindet sich nun nach eigenen Angaben in Phase vier seines Schaffens, in dem er AQAL entwickelt.

Auch in seinem Buch «Eine kurze Geschichte des Kosmos» nimmt er Statistiken zum Ausgangspunkt, die zeigen sollen, dass der Kosmos nicht alt genug ist, um auch nur ein Enzym durch puren Zufall entstehen zu lassen. (Wirbelsturm am Schrottplatz, der ein Flugzeug zusammenbaut, Affen mit Schreibmaschienen, die aus Zufall Hamlet schreiben.) Das nimmt er als Beweis dafür, dass etwas anderes als der Zufall die Evolution vorantreibt. Aber das ist ein Strohmann-Argument. Denn in Wirklichkeit geben ihm die Wissenschaftler sogar recht, der Zufall alleine bewirkt nichts. Aber für ihn ist klar, dass es der Spirit ist, der Eros, der hinter der Evolution steckt, während Wissenschaftler dem Zufall die nicht zufällige natürliche Selektion zur Seite stellen. Im Grunde passiert hier Wilber ein Quadrantenabsolutismus, indem er nicht berücksichtigt, dass sich Holons – und seien es auch nur Enzyme – immer im Kontext der Umgebungsbedingungen entwickeln. («Survival of the fittest» = Überleben des am besten an die Umgebung Angepassten.) Nichts formt sich alleine. Evolution ist immer Koevolution eines ganzen Ökosystems. Wilber stellt aber die Möglichkeiten «Eros oder Zufall» unter Auslassung der «Notwendigkeit» gegeneinander und kommt zu dem Schluss, dass es Eros sein muss, der die Welt vorantreibt, weil Zufall als Erklärung alleine nicht ausreicht. Dabei liegt der Logikfehler in der Grundannahme. Kein Evolutionsbiologe beschränkt den Antrieb der Entwicklung auf den Zufall. Die eigentliche Kraft liegt in der Selektion.

Hat sich an dieser Position in der Zwischenzeit etwas geändert?

Wilber sagte einmal, dass die integrale Theorie nicht an diesem speziellen Thema hängt und man würde, wenn die Wissenschaft etwas in dieser Richtung beweisen könnte, das eben in die Theorie integrieren.

Aber mir scheint die integrale Theorie in ihrer heutigen Form sehr wohl von dieser Frage abhängig.
Denn wenn es sich herausstellt, dass Evolution ganz ohne die Intervention eines Geistes funktioniert und durch ganz materialistische Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge erklärt werden kann – und ich denke, dass es so ist –, dann ist die Verbindung der integralen Theorie zu jeglicher spirituellen Vorstellung gekappt. Zumindest wüsste ich dann nicht mehr, mit welchen Argumenten – außer subjektiver Empirie, die aber von Materialisten anders gedeutet wird – eine spirituelle Komponente im Universum ableitbar wäre.
Trotzdem wäre die integrale Theorie ohne Zweifel ein sehr wichtiges Instrument, die Welt in ihren Zusammenhängen zu erklären. Nur spirituell wäre sie wohl nicht mehr. Aber vielleicht übersehe ich da etwas Entscheidendes.
Zwar vertritt Wilber keinen Kreationismus, bei dem ein Gott von Außen in die Welt und den Evolutionsprozess eingreift, sondern ein monistisches Konzept, bei dem der Geist in der Materie immanent ist – was ich in meinem EvId auch vertrete –, aber in einem Lehrvideo von 2009 sagt er explizit: «Die Wissenschaft ist hilfreich bei Phänomenen, wenn sie einmal entstanden sind, aber sie ist unfähig, Phänomene zu erklären, wenn sie zum ersten Mal erscheinen.» Das klingt schon so, als wäre er immer noch überzeugt, dass der Geist bei der Evolution eine Rolle spielt, die von der Wissenschaft innerhalb ihrer Kompetenzgrenzen nicht erklärt werden kann.

Soweit meine, in eigenen Worten zusammengefasste Kritik Frank Vissers an Wilbers Evolutionsbegriffs und kurze Bezüge zu meinem «Evolutionären Idealismus»

(Mich irritiert zusätzlich dazu – wie bereits anfänglich erwähnt – die Annäherung Wilbers in seiner Phase 5 an religiös-esoterische Konzepte wie «Seele» und «Subtile Energien». Aber dazu kann ich mich erst äußern, wenn ich genau verstanden habe, wie er diese Konzepte mit der integralen Theorie in Verbindung bringt. Dazu möchte ich erst die Exzerpts A-G genauer durcharbeiten.)

Nun aber zu meinem alternativen Vorschlag, wie man Geist/GEIST in einer integralen Theorie mit der Evolution in Verbindung bringen kann.

4. EvId und der Infospin

Ich nehme für mich in Anspruch, eine solche «kreationistische» Theorie für meinen EvId nicht zu benötigen. Entsprechend erkläre ich auch in meinem Buch «Evolutionärer Idealismus» von 2010 explizit die Mechanismen der Evolution OHNE die Inanspruchnahme von geistigen Interventionen. Auch in meinem kurzen Blog-Artikel über «evolutionäre Hardwareentwicklung» gibt es keine Einmischung einer geistigen Kraft. Der EvId kommt eindeutig ohne eine solche Prämisse aus und ist trotzdem eine spirituelle Theorie über die Wirklichkeit unserer Welt. Dies deshalb, weil in dieser Theorie die Trennung zwischen Materie und Geist ganz explizit eine rein perspektivische Aufteilung darstellt (wie ich es ursprünglich auch der integralen Theorie unterstellte).

«Materie» ist «Geist von außen betrachtet» und «Geist» ist «Materie von innen erlebt».

Wenn also Evolution rein materiell funktioniert, funktioniert sie aus einer anderen Perspektive rein geistig/spirituell. In meinem neuen Buch, das ich derzeit (2021) noch in Arbeit habe, beschreibe ich auch detailliert, warum ein Materialismus in sich nicht konsistent sein kann, wenn er nicht gleichzeitig ein Panpsychismus ist. Dies klingt zunächst relativ banal. Wenn man es nicht animistisch interpretiert, so dass alles, wofür wir uns einen Namen ausdenken können, auch ein Bewusstsein besitzt, sondern streng zwischen Holons, Haufen und Artefakten unterschieden wird, scheint sich nicht viel an unserer Wirklichkeit zu verändern. «Dann wohnt eben allem ein Schauen inne. So what?»

Aber es ergeben sich radikale Implikationen, wenn man die Innenansicht von Holons konsequent durchdenkt.

Was also ist das Wesen des «Evolutionären Idealismus»?

4.1 Grundkonzept

Um den Unterschied zu Wilbers Evolutionsgedanken (in Vissers Kritik) zu erklären, muss ich zunächst die Grundlagen des EvId deutlich machen:

(Hinweis: Wer dieser Erklärung (noch) nicht folgen kann oder will, der/die sollte eventuell im Punkt 4.5 bei den Schlußfolgerungen weiterlesen.
Eventuell kann er/sie danach nochmal hierher zurück springen, wenn er/sie die Begründung für diese Schlussfolgerungen erfahren will).

Der Kosmos als raumzeitliche Ganzheit ist Teil des göttlichen Bewusstseins (Panentheismus) und ist als «mathematischer» Cyberspace realisiert. (Wobei man dabei Mathematik nicht auf ihre rationale Funktion beschränken darf, sondern auch die pythagoreische Seite, die harmonischen Resonanz, einbeziehen muss.)

Dieser Cyberspace erzeugt einen rechnenden Raum, ähnlich zellulärer Automaten. Mit dem Unterschied, dass die Zellen des göttlichen Cyberspace unscharfe Positionen und Werte haben, weil sie sowohl Teile des Ganzen, als auch das Ganze selbst sind. Erst durch ihre Interaktionen untereinander «schärfen» sie sich gegenseitig und trennen sich damit temporär/illusionär von der Ganzheit ab. Die Teile der Ganzheit differenzieren sich von der Ganzheit, indem sie untereinander agieren, und dadurch so tun, als wären sie nicht «die Ganzheit» sondern nur «Teil davon». Es handelt sich also um Selbsterschaffung durch sich selbst erfüllende Prophezeiungen. Denn paradoxerweise ist ihre Interaktion untereinander nur dadurch ermöglicht, dass sie derselben Ganzheit angehören, von der sie sich durch diese Interaktion zu differenzieren scheinen.

In ihren Interaktionen teilen sie sich gegenseitig Werte zu, die spontan entstehen und von einer Zelle zur Nächsten weitergegeben werden, in ihrer Gesamtsumme aber immer null sind.

Die virtuellen Informations-Werte, mit denen die Zellen jonglieren, ergeben die energetisch-materiellen Partikel des Raumes. Diese Partikel bilden die zweite Stufe jener Integrationsleiter, mit deren Hilfe sich die Teile als Gemeinschaften wieder der Ganzheit innerhalb des Cyberspace annähern. Dies ist der EROS im EvId.

Durch ihre Interaktionen erzeugen die temporären Teile der Ganzheit eine Verkettung, welche als Raumzeit erscheint. Die «Taktfrequenz» des rechnenden Raumes ergibt dabei die Lichtgeschwindigkeit. Diese Verkettung erzeugt eine Separierung der bewussten Ganzheit in sechs Komponenten, zwei primäre und vier sekundäre: Die primäre Spaltung teilt den rechnenden Raum in objektive Information einerseits und subjektive Bedeutung andererseits auf (was einer Trennung des Informationsraumes in Objektbetrachtung und Subjektidentifikation entspricht). Aus den unterschiedlichen Kombinationen dieser beiden Komponenten über mehrere Stufen der Integrationsleiter bilden sich schließlich die vier Quadranten, wie wir sie auch aus der integralen AQAL-Theorie kennen. Diese bilden die vier sekundären Komponenten.

4.2 Holons

Holons sind stabile Informations-Konglomerate interaktiver virtueller Werte auf unterschiedlichen Integrationsniveaus, welche die Informations-Ganzheit aus der sie bestehen, aus ihrer Perspektive in diese vier Quadranten aufteilen. Dabei werden die rechnenden Werte aller Integrationsstufen unterschiedlich als objektive Informationen und subjektive Bedeutungen interpretiert. Während es bei den kleinsten Holons, den subatomaren Partikeln, klar ist, dass sie bei jeder Interaktion aus dem einheitlichen Feld des Quantenvakuums mit seinen Wahrscheinlichkeitswellen «herauskommen» und nach der Interaktion wieder dorthin «verschwinden», so ist das bei Holons höherer Integrationsstufen nicht so leicht erkenntlich, weil sie sich aus Subholons zusammensetzen, die ihrerseits andere Spannen innerhalb der Raumzeit beanspruchen.

Ich schlage daher eine differenziertere Definition für den Begriff Holon vor:

«Holon ist die Bezeichnung für die interne Perspektive eines autopoietischen, monolithischen Musters, welches sich aus Teilsystemen zusammensetzt und selbst Teil eines größeren Systems sein kann.» Damit wird erklärlich – was viele Philosophen an der Idee der vier Quadranten kritisieren –, warum es diesen ontischen Unterschied zwischen der Materie des eigenen Systems und der Materie der äußeren Umgebung geben sollte. Denn es geht nicht um die Materie, sondern um das systemische Muster des Holons, das sich materiell manifestiert, in dem sich Subholons an dem Muster ausrichten.

Mit dieser Definition wird klargestellt, wie und warum auch Holons höherer Ordnung als die der subatomaren Teilchen, als «Quantenkollaps» aus der Ganzheit kommen und sich nach der Interaktion mit der Welt wieder in diese Ganzheit integrieren können. Doch dazu später.

4.3 Infospin

«Infospin» bezeichnet den Prozess der Verkettung der Holons als «monolithische Informationskonglomerate» durch gegenseitige Interaktionen. Er ergibt sich aus einer wandelnden Interpretation der Dimensionen Raum und Zeit. Das bedeutet, dass die phänomenologische Perspektive auf die Informationsmuster unserer Wirklichkeit vom Holon so interpretiert wird, dass sich die subjektiv erlebten Effekte der Raumzeit «drehen».

Jede temporäre Trennung des Teils von der Ganzheit und dessen Wiederintegration verläuft in einer Drehung, einem Spin des Informationsraumes. Durch diese Drehung verketten sich die Holons zu einer einheitlichen Wirklichkeit. Wie muss man sich das vorstellen?

Mathematisch ist derartiges schon aus dem Bereich der Physik der schwarzen Löcher bekannt. Wenn die Schwerkraft einen Faktor erreicht, bei dem die Fluchtgeschwindigkeit die Lichtgeschwindigkeit erreicht (Ereignishorizont), wandeln sich Zeit und Raum in ihren Eigenschaften ineinander um. Raum erhält die Eigenschaften der Zeit, also einen unwiderstehlichen und unumkehrbaren Strom, dem sich alles Existierende unterordnet, während die drei Dimensionen sich in einer einzigen vereinen. Und Zeit erhält Eigenschaften des Raumes, also ein nebeneinander Existieren von unterschiedlichen Prozessphasen.

Beim Ereignishorizont geschieht dies innerhalb der objektiven Information. Beim Infospin innerhalb der subjektiven Bedeutung.

Um das zu erklären, betrachten wir zunächst den Quantenkollaps in einer Interpretation des Infospins. Konkret gibt es vier Phasen des Infospins:

Phase 1: Das Teilchen existiert (noch) nicht in der realen Wirklichkeit, sondern nur als Quantenwahrscheinlichkeitswolke als Teil der Ganzheit. Es ist eingebunden in die ganzheitliche Quantenfunktion als Faktor der Wahrscheinlichkeitsverteilung.
Phase 2: Die Realität der materiellen Wirklichkeit strebt eine Interaktion mit dieser Wahrscheinlichkeit an und induziert den Quantenkollaps (Dekohärenz). Dazu löst sich das Teilchen aus der Ganzheit, um sich zu konkretisieren. Dies ist der Punkt des Zufalls, der der Wissenschaft verborgen ist: Wie wird entschieden, welche der unendlich vielen Wahrscheinlichkeiten Realität wird? Wir wissen nur, wie wahrscheinlich ein bestimmter Ort und ein bestimmter Impuls des Teilchens sind. Diese Wahrscheinlichkeit ist mathematisch determiniert. Nicht aber die Konkretisierung als Kollaps der Wahrscheinlichkeit zur Realität. Es kann etwas sehr Unerwartetes passieren, solange dessen Wahrscheinlichkeit nicht null ist.

Phase 3: Der Quantenkollaps ist vollbracht, das Teilchen ist in der Realität manifestiert und interagiert mit der Welt. Es ist als raumzeitliches Objekt in der Wirklichkeit vorhanden.
Phase 4: Die Interaktion des Teilchens mit der Welt endet und es wird wieder zur Wahrscheinlichkeitswolke. Es integriert sich wieder in die ganzheitliche Quantenfunktion des Kosmos als Ganzes. Allerdings durch die konkreten Interaktionen in Phase 3 mit völlig neuen Wahrscheinlichkeitsverteilungen.

So wie wir den Prozess des Quantenkollapses jetzt beschrieben haben, ist es immer der Blick von außen auf diesen Prozess aus unserer dreidimensionalen Wirklichkeit heraus, und zwar zu einem bestimmten Zeitpunkt. Das ist die normale Sicht aus physikalischer Perspektive, ohne inneres Erleben. Wie aber würde das Teilchen selbst diesen Prozess phänomenal erleben, wenn es genügend Bewusstsein hätte, das zu beobachten? Wenn Panpsychismus Wirklichkeit ist, dann ist die Welt nur vollständig beschrieben, wenn wir beide Perspektiven berücksichtigen. Die spezielle Eigenschaft einer Innenperspektive ist, dass sie sich in vier Bereiche Gliedern lässt (ähnlich den vier Quadranten aus AQAL, aber ein wenig anders in der Erklärung): Die zwei Achsen dieser Bereiche sind [Vergangenheit ← → Zukunft = Erinnerung ← → Erwartung] und [Innenraum ← → Außenraum = Intention ← → Sinneseindrücke]. Anhand dieser Kriterien werden alle Informationen, welche das Holon bilden (man beachte dabei meinen Vorschlag einer geänderten Definition) in vier Bereiche eingeordnet: «vergangener Außenraum», «vergangener Innenraum», «zukünftiger Außenraum» und «zukünftiger Innenraum».

Betrachten wir also diese vier Phasen nochmal aus der Perspektive des Teilchens:

Phase 1: Das subjektive Empfinden des Teilchens ist in diesem Bereich mit der Ganzheit identifiziert, also im wahrsten Sinn des Wortes «undifferenziert», und hat nur insofern eine Einbindung in Raum oder Zeit, als eine Manifestation in unterschiedlichen Raum-Zeit-Punkten unterschiedlich wahrscheinlich ist. Die vier phänomenologischen Bereiche sind aufgelöst. Das Subjekt ist alles.
Phase 2: Die Realität der materiellen Wirklichkeit strebt eine Interaktion mit dieser Wahrscheinlichkeit an und induziert den Quantenkollaps. Das subjektive Empfinden des Teilchens in diesem Augenblick des Quantenkollapses ist dergestalt, dass der räumliche «Fall» aus der Ganzheit zum Raum-Zeit-Punkt des Kollapses als zeitlich empfunden wird. Die Vergangenheit (unserer Perspektive von vorhin) dieses Raum-Zeit-Punktes, welche den Kollaps induziert hat, wird vom Teilchen phänomenal als eigene Innerlichkeit (Motivation/Intention) erlebt. Die Zukunft dieses Raum-Zeit-Punktes (unserer Perspektive von vorhin) mit all ihren Möglichkeiten, erlebt das Teilchen als Außenwelt. Die Ganzheit, aus der es kommt, wird als Vergangenheit interpretiert (aus unserer Perspektive von vorhin der Außenraum des entstehenden Teilchens) und das konkrete Teilchen, zu dem es werden soll, ist die Zukunftsaussicht.
Phase 3: Das subjektive Empfinden des Teilchens entspricht der raumzeitlichen Ordnung, wie wir sie kennen.
Phase 4: Die Interaktion des Teilchens mit der Welt endet und es wird wieder zur Wahrscheinlichkeitswolke. Das subjektive Empfinden des Teilchens wandelt sich wieder, sodass die Wahrscheinlichkeiten der möglichen Zukunft dieses Raum-Zeit-Punktes zum phänomenalen Innenraum des Holons werden. Die Vergangenheit dieses Raum-Zeit-Punktes mit allen Interaktionen mit der Wirklichkeit wird zum Außenraum. Die Begrenztheit der Identifikation mit der Manifestation des Holons in der Wirklichkeit wird zur Vergangenheit und die Wiederintegration mit der Ganzheit zur Zukunft.

Diese vier Phasen sind aus meiner philosophischen, panpsychistischen Interpretation der Quantentheorie entnommen und können auf alle Holons angewendet werden, wenn man die Holons nicht mehr als materielle Systeme innerhalb der Weltganzheit betrachtet, sondern – wie von mir vorgeschlagen – als Muster, an denen sich Materie anlagert (wie sich Eisenspäne an ein Magnetfeld anlagern, um dessen Muster sichtbar zu machen), um sie zu manifestieren. (Wobei zu beachten ist, dass Materie nicht aus Materie besteht, sondern aus Holons, die ihrerseits wieder inkarnierte Muster sind, die sich durch anlagerungen der "Materie" ihrer Subholons manifestieren. Materie ist eine Illusion.) Nicht das materielle System des Holons macht die Phasen des Infospins durch, sondern das Muster, an dem sich Subholons anlagern. Phase 2 wird damit zum Bardozustand vor der Geburt (Sipa-Bardo) und Phase 4 zum Bardozustand nach dem Tod (Tschikhai-Bardo) des Holons.

4.4 Karma und Reinkarnation

Im EvId gibt es – wie ZB auch im Buddhismus – keine Individualseele, welche dann im Himmel (oder der Hölle) auf ewig lebt. Diese Funktion übernimmt der Zeuge, der aber in allem derselbe ist. Aber dieser Zeuge identifiziert sich in den Teilen und somit gibt es durchaus so etwas wie eine Individualseele, die dann reinkarnieren kann, es ist das Muster des Holons.

4.5 Involution, Exvolution und Evolution

Involution ist die Phase 2 des Infospins, bei der sich der göttliche Funke von der Einheit löst, diese Einheit vergisst und aus der Vergangenheit der Möglichkeitswolke die Informationen aufnimmt, um in Zeit und Raum eine individuelle Perspektive einzunehmen. Da jeder winzige Teil der Wirklichkeit aus Holozellen besteht und jede Holozelle diesem Infospin unterliegt, wird die Welt in jedem Augenblick durch permanente Involution neu erschaffen. Anders als bei Wilber geschieht die Involution also nicht am Beginn des Kosmos, sondern in jedem Augenblick, in dem sich ein Holon über den Infospin inkarniert.

Exvolution ist die Phase 4 des Infospins. Jener Bereich, bei dem die Holozelle ihre Information als Wahrscheinlichkeitswolke in die Zukunft abstrahlt, während der göttliche Funke über einen Prozess der Ent-Individualisierung (oder De-Intentifikation vom individuellen Muster bzw. Re-Identifikation mit der Ganzheit) jene abgeschatteten und ausgeblendeten Informationen wieder aufnimmt, die ihm eine Wiederintegration in die göttliche Einheit erlauben.

Auf diesen beiden gegensätzlichen Strömungen schwimmt der manifeste Raumzeit-Kosmos.

Innerhalb der Wirklichkeit – also in jenem Bereich, der sich aus der Überlagerung der Phase 3 der Info-Spins aller gegenwärtig inkarnierten Holozellen ergibt – entfaltet sich die Evolution, welche die Emergenz des Kosmos vorantreibt und von absolut gleichförmiger Zersplitterung beim Urknall zur organisierten und manifestierten Ganzheit des Omegapunktes hinführt. Diese Tendenz kennen wir als Evolution des Kosmos.

Obwohl diese Evolution vollkommen nach den neo-darwinistischen Prinzipien nach «Zufall und Notwendigkeit» abläuft, gibt es zwei Punkte, an denen das Bewusstsein in diesen Prozess eingreift und eine Leitschiene, die der bewusste, panpsychische Kosmos vorgibt.

Der erste Punkt, an dem Bewusstsein in die Evolution eingreift, ist der Inkarnationspunkt in Phase 2 des Infospins. Erinnern wir uns nochmal, was in dieser Phase passiert: «Phase 2: ... Die Vergangenheit ... wird vom Holon phänomenal als eigene Innerlichkeit erlebt.» Das bedeutet, dass das sich manifestierende Muster der Quantenwahrscheinlichkeit als innere Stimmung vorhanden ist. «Die Zukunft mit all ihren Möglichkeiten, erlebt das Holon als Außenwelt.» In dieser Situation entscheidet sich das Holon aus einer inneren Affinität für eine bestimmte Manifestation aus dem Angebot der Möglichkeiten. Das Karma des Holons ist somit die bohmsche Führungswelle der Quantenphysik, aber eben nicht auf den Kollaps von Teilchen beschränkt, sondern bei jeder Inkarnation eines Holons. Der «Zufall» der Quantenwirklichkeit ist eigentlich «Karma».

Der zweite Punkt, an dem Bewusstsein in die Evolution eingreift, ist die «spirituelle Blindsicht». Die Gegenwart erzeugt die Möglichkeiten der Zukunft. Es gibt viele virtuelle Szenarien für die Zukunft, die als Möglichkeitswolken mit unterschiedlichen Wahrscheinlichkeiten vor uns liegen. Wenn wir durch unseren Erwartungshaltungen die Aufmerksamkeit auf bestimmte Situationen lenken, stärken wir Wahrscheinlichkeiten für die Inkarnation von Mustern in konkreten Situationen. Das funktioniert über eine Art spiritueller Blindsicht. Da die Trennung des Holons von der Ganzheit eine Illusion ist, sind immer Informationen über die Wahrscheinlichkeitswolken vorhanden und das Holon sucht sich mit seinen Handlungsentscheidungen unbewusst ihren Weg in die Zukunft durch das Labyrinth der Möglichkeiten. Der Ablauf erfolgt über Grundmusteraffinitäten: Mir geschieht, was mir geschieht, weil ich bin, wer ich bin.

Aber trotz dieser Grundmusteraffinitäten sind wir unserem Schicksal nicht völlig hilflos ausgeliefert. Innerhalb unserer karmischen Vorgaben sind Freiheiten vorhanden, welche unterschiedliche Manifestationen erlauben. Durch die Konzentration unserer bewussten Aufmerksamkeit auf bestimmte Affirmationen stärken wir die Wahrscheinlichkeiten für diese Manifestationen über unsere Co-Kreations-Teilhabe an der permaneten Neuschöpfung des Kosmos. Die Affinität des Holons zu den unterschiedlichen Zukünften wird damit verändert. Wir beeinflussen das Muster zur Organisation unserer SubHolons und über eine blindsichtige Erleuchtung des richtigen Weges zur Manifestation neigen wir mehr zu jenen Mikroentscheidungen, welche uns der Affirmation annähern. Dies sind auch die Tendenzen, welche die Epigenetik steuern. Also jene Mechanismen, welche bestimmte Gensequenzen ein- oder ausschalten, was die Evolution völlig im Rahmen der neodarwinistischen Theorie beeinflusst.

Schließlich gibt es die Leitschiene des panpsychischen Kosmos, die als Attraktor in das System des Kosmos eingeschrieben ist und eine Form von Teleologie erzeugt. Einen Sog, der die Evolution über die rein kausalen Mechanismen von Mutation und Selektion zum Punkt Omega zieht, an dem der gesamte Kosmos (in sehr, sehr ferner Zukunft) ein einziger, bewusster Organismus geworden ist.

Dieser Sog hat zwei Teile.

Teil eins ist die «Sehnsucht» der Teile, wieder zur Ganzheit zurückzukehren. Sie manifestiert sich in jeder Interaktion, durch welche die Einzelteile sich gegenseitig übereinander informieren. Wenn ZB zwei Teilchen zusammenstoßen und sich damit gegenseitig zum Quantenkollaps und damit zur konkreten Manifestation im Kosmos zwingen, so sind ihre gegenseitigen Informationen in den zukünftigen Wahrscheinlichkeitswolken der Teilchen eingeschrieben. Sie wissen danach voneinander. So erschaffen sich Holone gegenseitig. Jede Emergenz entsteht durch Vernetzung der Informationen.

Teil zwei liegt in der Phase 2 der letzten Inkarnation dieses Kosmos als göttliche Ganzheit. Denn beim «Kollaps» des letzten Holons ist die Vergangenheit des gesamten Kosmos und damit aller jemals manifestierten Holons die Innenansicht des göttlichen, ganzheitlichen Organismus. Dieser Sog bewirkt auch, dass jedes Ereignis, welches diese letzte Inkarnation verunmöglichen würde, zerstört den Kosmos derart, dass er nicht aufhört zu existieren, sondern dass er nie begonnen hat, zu existieren.

Im Evolutionären Idealismus ist damit sowohl die Teleologie des Kosmos als auch die Leitfunktion des Eros als integraler Bestandteil der Evolution eingewebt, ohne auch nur an einer einzigen Stelle gegen die Kausalität der neodarwinistischen Gesetze von Mutation und Selektion zu verstoßen. Es benötigt keine subtilen Energien, keine von der Materie unabhängigen Seelen und keinen kreationistischen Gott, der in die Prozesse des Universums von außen eingreifen muss.

Gerhard Höberth © 2021

 

Elektromobilität als Sündenbock?

Ein Beitrag von mir auf Facebook vom Dezember 2018. Leider hat Facebook die Funktion von Texten deaktiviert.

Beim Elektroauto werden plötzlich alle zu Umwelt- und Menschenrechtsexperten. Beim Verbrenner hat das bisher nie jemand getan. Wieso also plötzlich beim Elektroauto? Wer hat Interesse daran, dass das Elektroauto als Umwelt- und Sozialsünder dasteht?
Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Wie ist das also mit den Elektroautos?

Sehen wir uns mal das mit den seltenen Erden an: Zu den »Seltenen Erden« gehören 17 verschiedene Elemente. Die Bezeichnung stammt aus der Zeit der Entdeckung dieser Elemente und beruht auf der Tatsache, dass sie zuerst in seltenen Mineralien gefunden und isoliert wurden. Einige der Metalle der »Seltenen Erden« kommen in der Erdkruste häufiger vor als beispielsweise Blei, Kupfer, Molybdän oder Arsen. Thulium, das seltenste stabile Element der Metalle der »Seltenen Erden«, ist immer noch häufiger vorhanden als Gold oder Platin. Lithium und Kobalt gehören NICHT zu den Seltenen Erden.

Überhaupt muss man feststellen: Alles was im Akku ist, ist nicht selten. Lithium ist nicht selten, Kobalt ist nicht selten, alles andere auch nicht. Es muss nur mehr gefördert werden, die Reserven sind da und leicht erschließbar. Alleine Deutschland hat schon Reserven für 10 Millionen E-Autos. Das Lithium reicht aber für ALLE Autos weltweit für die nächsten 200 Jahre. Und da ist das Recycling noch nicht mit eingerechnet. Die Firma, die in Chile Lithium abbaut, gehört der Familie Pinochet, die während der Diktatur dafür gesorgt hat, dass Ressourcenabbau und Wasser privatisiert wurde. Der Staat hat somit keinen Zugriff auf die Wasserreserven. Es ist also ein politischer Skandal und keiner der Emobilität.

Lithium wird aber nicht nur in Akkus für Elektroautos verwendet. Sehen wir uns einmal an, wo Lithium überall verwendet wird: Lithium ist als Additiv in Treibstoffen und Heizstoffen, sowie Gasen. Ebenso in synthetischen- sowie Mineralölen und in Schmierstoffen! In Alu und Stahlschmelzen wird Lithium verwendet, in der Keramik und Glasindustrie und in der Medizin! Bei der Veredelung und Reinigung von Bunt- und Stahlblechen oder in der Lebensmittelindustrie zum Reinigen von Edelstahl! Ja, der Lithiumabbau greift in die Natur ein, jedoch viel weniger als die Ölförderung. Leicht »vergisst« man auch zu erwähnen, dass das Lithium in so gut wie allem drinnen steckt, sogar im Benzin und in den Autoscheiben und, dass in einem Akku unter 2% Lithium verbaut ist.

Genauso verhält es sich mit dem Kobalt.

Kobalt ist in Akkus nur noch wenig enthalten und in der nächsten Batteriegeneration überhaupt nicht mehr. Sowohl TESLA als auch BMW schauen genau darauf, dass das Kobalt für ihre Batterien nicht aus Kinderarbeit kommt. Das ist aber auch gar nicht so schwer. Kobalt wird auch in den USA, in Russland und Australien abgebaut. Kobalt ist ein Nebenprodukt des Kupferbergbaus und selbst im Kongo sind 80% des Bergbaus in der Hand von Großkonzernen mit maschinellem Abbau. Lediglich in den Gegenden, in denen die Warlords herrschen, gibt es überhaupt manuellen Bergbau und dort arbeiten unter anderem auch Kinder. Das ist schlimm und muss beendet werden. Aber das der Emobilität anzulasten ist eine Doppelmoral. Kobalt ist in den gehärteten Stählen im Verbrennungsmotor (Kurbelwelle, Nockenwelle, Ventilen, etc.) und in gehärteten Stählen in jedem Werkzeugkasten. Es wird dazu benutzt in der Raffinerie das Benzin zu entschwefeln, damit es beim Tanken nicht nach faulen Eiern stinkt. Zurzeit sind in Akkus ca. 3-10% des Kobalts enthalten. Und bald überhaupt nicht mehr. Und wie gesagt: 90% des Kobalts wird auch nicht von Kindern abgebaut, sondern von großen Bergbauunternehmen. (Die soziale Schieflage im Kongo ist immer noch die Nachwirkung der Kolonialzeit.)

Akkus werden auch z.B. in Bremerhaven schon zu 65% recycelt. Theoretisch wären sogar 95% möglich. Leider wird das Lithium noch nicht recycelt. Es ist nicht selten und daher nicht teuer genug, um das ökonomisch zu rechtfertigen. Es ist aber absehbar, dass in etwa 20 Jahren, wenn die heutigen Batterien langsam nicht mehr die nötige Leistung bringen, das Lithium gewinnbringend, weil in großem Maßstab, recycelt werden kann.

Dagegen ist die Ölförderung zum Betreiben der Autos mit Verbrennungsmotor die reinste Umweltvergiftung. JEDEN TAG verbraucht die Menschheit 94.000.000 Fässer (1 Fass = 159 Liter) Öl. Das Öl muss dazu erst gefördert werden. Die Realität ist auch, dass Erdölressourcen von den USA und der NATO mit militärischer Präsenz gesichert werden. Dafür verbraucht alleine das US Militär ca 500.000 Fässer Erdöl PRO TAG! Zehntausende gepanzerten Fahrzeuge, Tausenden Kampfflugzeuge, Tausenden Helikopter, Hunderten Kriegs- und Versorgungsschiffe wollen schließlich betankt werden. Da fängt es aber erst an: Zuerst müssen die Erdölvorkommen aufwendig gesucht werden, dann EXTREM mühsam und auch energieintensiv gefördert werden, die ganzen Pumpen und Pipelines müssen auch erst gebaut und vor Ort installiert werden (die Metalle und Geräte hierzu wachsen natürlich nicht vor Ort, sondern müssen auch aus über (mehreren) Tausend Kilometer angeliefert werden.

Aber auch wenn das Erdöl endlich aus dem Boden gepumpt werden kann und dabei nicht gleich eine Umweltkatastrophe ausgelöst wird, muss das Rohöl zur Raffinerie transportiert werden. Mit Schiffen, Tanklastwagen, Zügen oder Pipelines. Auch die mussten energieintensiv gebaut und betrieben werden. Auf jedem Ölfeld brennen Fackeln. Auch auf Förderplattformen im Meer. Hier wird Erdgas abgefackelt, das als Nebenprodukt bei der Ölförderung ans Tageslicht gelangt. Man könnte es in Drucktanks füllen, verflüssigen oder Pipelines bauen, damit es dort genutzt werden kann, wo es gebraucht wird. Das ist aber total unwirtschaftlich. Also wird es verbrannt. Pro Jahr werden 5.455 Milliarden Liter Öl gefördert und mit Schiffen, Tanklastwagen, Zügen oder Pipelines zu den Raffinerien befördert. Auch die mussten energieintensiv gebaut und betrieben werden.

Das meiste Erdöl für die Europäer wird nach Rotterdam geliefert. Die Schiffsreise aus Kuwait beträgt ca 32 Tage. Die riesigen Tankschiffe produzieren nicht nur regelmäßig riesige Umweltkatastrophen, sondern verbrennen auch das enorm giftige und dreckige Schweröl ohne Katalysatoren. Und angeblich stoßen alleine die größten 15 Schiffe mehr Schwefeloxide aus, als alle PKWs weltweit. Das sollte bei der Diesel/Benzinautodiskussion also miteingerechnet werden. Die Raffinierung von Benzin und Diesel benötigt auch wieder ENORME Energiemengen. Wikipedia: »Erdölraffinerien gelten als energieintensive Betriebe und verschmutzen zudem Luft und Grundwasser. Der hohe (bis zu 50 % der Kosten) notwendige Energieeinsatz für die Produktion wird dabei zum Teil aus den primären Energieträgern selbst gewonnen, als auch als elektrische und thermische Energie zugeführt.« Ein Liter Treibstoff benötigt bei der Herstellung aus Rohöl ein Energieäquivalent von 1,6 kWh. Damit fährt ein modernes Elektroauto bereits weiter als die Strecke, die ein Verbrenner mit diesem Liter Treibstoff kommt.

Der Weg ist aber bei der Raffinerie nicht zu Ende. Es geht wieder über LKW, Schiffe, Züge, Pipelines, etc. in die verschiedenen Länder und Tankstellenfirmen, um dann wieder mit Tank-LKW’s zur Feinverteilung an die Tankstellen geliefert zu werden. Und ja, auch die Tankstellen mussten gebaut, betrieben und pausenlos mit Strom versorgt werden. Und die Autos müssen zur Tankstelle gefahren werden, um zu tanken, was die nutzbare Energiebilanz zudem noch verschlechtert.

Zur Frage: “Wo soll denn der ganze Strom herkommen?”

Der KFZ-Bestand lag 2017 bei 47,1 Mio. (ohne LKWs, Busse, Motorräder ...). Diese legten laut Kraftfahrtbundesamt in 2017 630,5 Mrd. km zurück.
Nehmen wir an, wir hätten bei diesen Autos in 2017 schon 100% E-Mobilität gehabt. Nehmen wir weiter an, diese hätten durchschnittlich 15 kWh / 100 km verbraucht, so wäre der zusätzliche Strombedarf 94,6 TWh gewesen. Die Netto-Stromerzeugung (ohne Eigenverbrauch der Kraftwerke und Verteilungsverluste – also das, was an der Steckdose ankommt) in Deutschland lag 2017 bei 550 TWh. Im fiktiven Fall der 100% E-Autos hätte somit die Jahresstromerzeugung um 17% gesteigert werden müssen. Aber ein Liter Treibstoff benötigt in der Raffinerie bei der Herstellung aus Rohöl ein Energieäquivalent von 1,7 kWh. (Damit fährt ein modernes Elektroauto bereits 12 km, während ein Verbrenner noch an der Tankstelle steht und danach mit diesem Liter nur ca 15 km fährt, dabei aber zusätzliche 9 kWh an fossiler Energie des Treibstoffes selbst verbraucht und damit 2,5 kg CO2 verursacht.) Rechnet man dagegen den Gesamtenergieaufwand zur Bereitstellung des fossilen Treibstoffes (Durchschnitt von Suche, inklusive Bohrung, Transport – via Schiffe und die Pumpen der Pipelines, das Raffinieren und den Transport des fertigen Treibstoffs zur Tankstelle – errechnet von EXXON), fallen pro Liter Treibstoff sogar 7 kWh Primärenergie an.
Wir ersparen uns mit einer Umstellung auf Elektromobilität also nicht nur ca. 100 Milliarden € für die wegfallenden Erdölimporte, wir ersparen uns auch noch (für 47.000.000.000 Liter Treibstoff) jährlich 75,2 TWh (330 TWh insgesamt) Primärenergie zur Aufbereitung des Erdöls. Bleibt also nur mehr eine Energielücke von 19,4 TWh zu überbrücken (da ist nur der Energieaufwand in der Raffinerie gerechnet, nicht die Energie der gesamten Bereitstellungskette). Das sind 3,5 % des jährlichen Strombedarfs von 2018. Rechnet man dagegen die gesamte Bereitstellungskette für unsere fossile Mobilität, dann spart uns Elektromobilität den Einsatz von 235,4 TWh!

Das Problem sind auch nicht die Netze. Da haben wir ja jetzt schon den Strom für 20 Mio. E-Autos drin. Das sind jene 50 TWh, die wir jedes Jahr netto für 4 Milliarden Euro ins Ausland verkaufen.

Es ist zudem eine populistische Vorgehensweise den Strommix dem E-Auto vorzuwerfen, da dafür die Politik verantwortlich ist und nicht der Autobesitzer. Solange die Politik die Kohleverstromung subventioniert, geht der Vorwurf an die falsche Stelle.
Laut Umweltbundesamt subventioniert die deutsche Regierung klimaschädliche Produkte jährlich mit 55 Milliarden Euro. DAS sollte Thema sein, nicht die Elektromobilität.

Einfügung zu Wasserstoff und E-Fuels

Ich habe mir mal die Mühe gemacht, etwas zu recherchieren und zu rechnen, weil immer wieder die Idee auftaucht, dass eigentlich Wasserstoffautos die Zukunft wären oder »klimaneutraler«, synthetischer Treibstoff (der ebenfalls aus Wasserstoff und CO2 hergestellt wird), während Elektromobilität nur eine Nischentechnologie für den Übergang ist.
Derzeit wird Wasserstoff aus Erdgas hergestellt, weil es billiger ist als P2G. Aber das ist natürlich keine Alternative, weil man dann gleich beim Erdgasfahrzeug, beim Diesel oder Benziner bleiben könnte.
Es ergibt also erst dann Sinn, wenn der Strommix 60%-70% erneuerbare Energien enthält, die nicht flexibel sind, also Sonne und Wind (kein Biogas), um eine bei günstigem Wetter auftretende Überproduktion nicht abregeln zu müssen, sondern (über P2G) zu speichern (solange es keine effizienteren Speicher gibt, die ähnlich flexibel sind.)
Dann kann man den Strom entweder direkt in Batterien speichern und damit elektrisch fahren, Wirkungsgrad (vorsichtig gerechnet) 90%. Ein Elektroauto braucht heute zwischen 14 kWh (Hyundai Ioniq Elektro Style) und 24 kWh (Tesla) für 100 km (das sind die Werte der Tests des ADAC und nicht die Hersteller angaben, die wären geringer). Nehmen wir einen Durchschnittswert von 19 kWh und rechnen wir mit geringer Effektivität, dann kommen wir auf eine Primärenergie von 21 kWh für 100 km!
Oder wir wandeln die Energie für einen Wasserstoffbetrieb um.
Wie weit kommen wir bei P2G und Wasserstoffmotor oder Brennstoffzelle mit 21 kWh?
Umwandlung Strom -> Wasserstoff ca 70% = 14.7 kWh
Der Energieaufwand für die Verflüssigung (700 bar, -253°C) beträgt je nach Menge und angewandter Methode 28 % bis 46 % des Energieinhaltes des Wasserstoffs. Rechnen wir mit einem Durchschnitt von nur 37% Verlust.
14.7 kWh x (1 - 0.37) = 9.2 kWh.
(Dass die Flüssigkeit permanent gekühlt, gelagert, abgefüllt, transportiert, wieder gelagert und gepumpt werden muss und die Verluste durch natürliche Diffusion, lassen wir erst einmal weg.)
Wasserstoff hat die Energiedichte 33,33 kWh/kg und der Toyota Mirai, das derzeit einzige Wasserstoffauto in Serie, braucht laut Herstellerangaben 0.76 kg auf 100 km, der ADAC hat 1 kg/100 km gemessen und neueste Praxistests kamen sogar auf 1,5 kg Wasserstoff pro 100 km. Das ergibt einen Energieaufwand von 50 kWh pro 100 km. (Toyota hat übrigens den Fehler bereits erkannt und steuert um, auf batteriebetriebene Fahrzeuge.)
Somit kommt man mit derselben Primärenergie, mit der ein Elektroauto 100 km fährt 18,4 km weit. [(9.2 / 50) x 100 = 18.4]
21 kWh für 18 km!
Wir verschenken also 81.6% der Energie nur dafür, dass wir eine Technik mit größerem Ressourcenverbrauch und komplexerer Infrastruktur verwenden dürfen, die uns in zentralistischer Abhängigkeit von Großkonzernen hält.
Dümmer geht es nicht.

-------------------------------------

Nachtrag (es geht doch noch dümmer: indem man nicht nur die Anhängigkeit von Großkonzernen sinnfreier Weise beibehält, sondern auch noch die Abgase in der Stadt indem man nicht Wasserstoff sondern E-Fuels fördert):
Derzeit geistert die Info durchs Netz, dass eine Firma ein verbessertes Verfahren für E-Fuels entwickelt hat, bei dem Elektrolyse und Methanisierung in einem Schritt verbunden wird und es eine Effektivität von 80% erlauben würde, wenn man das in industriellem Maßstab anwendet. Okay, nehmen wir 80% Wirkungsgrad einmal als gegeben an (obwohl es eher unrealistisch erscheint ... und was heißt »in industriellem Maßstab«?)
Wenn wir in Batterien speichern und elektrisch fahren brauchen wir 21 kWh für 100 km!
Wie weit kommen wir bei dieser Form von P2G mit 21 kWh? Umwandlung Strom in E-Fuel (mit den angegebenen 80% Wirkungsgrad) = 16.8 kWh. Ein Liter Kraftstoff hat im Durchschnitt 8,5 kWh (Benzin) bzw. 9,8 kWh (Diesel). Nehmen wir an, dass es bei E-Fuels derselbe Wert ist. Der Durchschnittsverbrauch von Motoren der in Deutschland zugelassenen PKW mit Benzin beträgt 7,8l/100km und mit Diesel liegt er bei 4,9l/100km. Somit kommen wir bei Benzin auf 66,3 kWh für 100 km und bei Diesel auf 48,02 kWh für 100 km. Somit kommt man mit derselben Primärenergie, mit der ein Elektrofahrzeug 100 km fährt, mit Benzinmotoren 31 km und mit Dieselmotoren 43 km weit.
Auch hier verschenken wir zwischen 57% und 69% der Energie.

Marcel Bal fasst es dankenswerterweise so zusammen:

- Ein H2 PKW ist auch nur ein Elektroauto mit Lithium-Akku. Ohne Akku würde es nicht funktionieren. Kleinere Akkus (6,5 Ah / 245 V beim Toyota Mirai = 1,6 kWh) verschleißen schneller, da ein kleiner Akku pro Zelle viel höhere Ströme aufnehmen und abgeben muss beim rekuperieren/beschleunigen.
- Wirkungsgrad 22%. Das reine Elektroauto kommt auf 80%.
- Wasserstoff direkt verbrennen? Die Probleme bei der Wasserstoffverbrennertechnik konnten bis heute nicht gelöst werden. Zudem ist diese Technik sogar noch ineffizienter.
- Man braucht pro gefahrenem km 3-4x so viel Energie wie das reine Elektroauto.
- Reichweite ist genauso wie die eines reichweitenstarken E-Autos, Gewicht genauso.
- Wasserstoff wird heute zu 95% aus Erdgas hergestellt. Deswegen wollen die Ölmultis auch Wasserstoff. Man kann die Leute weiter in Abhängigkeit halten. Strom aus Erneuerbaren haben wir nicht übrig. Wenn alle PKW elektrisch fahren würden, bräuchten wir 20% mehr Strom in Deutschland, wenn alle PKW Brennstoffzellen-Elektroautos wären 60-80% mehr.
- Anschaffung (70.000 Euro) und Unterhalt (12 Euro/100 km) ist 3x so viel wie beim reinen E-Auto (und das sogar subventioniert, normalerweise ist es noch teuerer)
- Wasserstoffautos haben zwei Drucktanks mit 700 Bar Druck. Behälter mit so einem hohen Druck stellen ein erhebliches Sicherheitsrisiko dar und können schlecht recycelt werden. Diese nehmen zudem sehr viel Platz im Kofferraum weg.
- Druckgastanks erfordern teuere, jährliche Wartung. H2 ist sehr aggressiv und korrodiert Metalle. Wasserstoff diffundiert durch alles hindurch. Nach einer gewissen Standzeit ist der Tank leer.
- Lebensdauer der H2 Stacks ungewiss. Komplizierte Technik, teuere Inspektionen. Merke - und das gilt für alles: Je komplizierter ein System ist, desto störungsanfälliger.
- Um ein Kilogramm Wasserstoff herzustellen, benötigt man 9 Liter Wasser. Dann lasst uns doch mal jährlich 56,3 Mio. Tonnen Kraftstoff durch Wasserstoff ersetzen.
- Pro Brennstoffzelle 40-70 Gramm Platin nötig. Für alle PKW weltweit würden die Platinvorkommen nicht ausreichen. Neueste Entwicklung: Brennstoffzellen mit Platin und Kobalt. Na, klingelt´s?
- Menschenrechtsverletzungen beim Platinabbau in Südafrika an der Tagesordnung.
- 100 Tankstellen in Deutschland, im Ausland so gut wie keine. Tanken vom eigenen Dach, beim Einkaufen, Arbeitgeber etc. nicht möglich. 1/5 der Tankstellen defekt oder leer.
- Wasserstofftankstellen dürfen nicht in Wohngebieten aufgestellt werden (Explosionsgefahr) und der Kompressor macht einen Höllenlärm. Ein Tankvorgang alleine benötigt 15 kwh an Strom. Damit fährt ein Elektroauto schon 100 km weit.
- Wasserstoffautos müssen IMMER an diesen Tankstellen betankt werden, die massiv Strom benötigen zur Kühlung/Druckaufbau. Dies würde das Stromnetz massiv belasten. Elektroautos laden max. 5% ihrer Zeit an Schnellladern.
- Eine Wasserstofftankstelle kostet 1-1,5 Millionen Euro und muss aufwändig gewartet werden. Ein HPC Schnelllader kostet 100.000 Euro, eine normale Schnellladesäule 20.000 Euro.
- Beim Tanken frieren gerne mal die Zapfstutzen an, deswegen wird neuerdings geheizt, was wiederum Strom verschwendet.
- Wenn der Tank des H2-Autos zu mehr als 50% gefüllt ist, ist es nicht möglich den Wagen zu tanken.
- Beim Tanken tankt nur der Erste in 5 Minuten, alle anderen brauchen 30 Minuten, weil der Kompressor erst Druck aufbauen muss. Circa 40 Autos kann man in 24 Stunden betanken. Nach 40-120 Autos, je nach Tankstellengröße, muss der Wasserstofflaster wieder anrollen und die Tankstelle auffüllen.
- Ständig müssen Laster zu den Tankstellen rollen. Für das anliefern von Wasserstoff an den benötigten Tankstellen würde man 10x so viele Tanklaster benötigen als derzeit für Benzin/Diesel.
- Wenn der gesamte Planet jetzt Wasserstoff herstellt, wird sehr viel Wasser ins Weltall verschwinden.
Noch einige Worte zu Synfuels. Auch diese sind keine Lösung. Diese Benötigen 7-10 x so viel Strom wie ein Elektroauto und haben immer noch einen Katalysator, der sich mit der Zeit und Hitze auflöst und die Umwelt mit seinen Metallen verpestet!
Positiv:
- Wenn wir mal in 100 Jahren viel zu viel Überschussstrom haben, könnten wir es nochmal versuchen. Aber bis dahin haben wir sowieso den Wunderakku, der in 5 Minuten voll geladen wird und mit dem man 3000 km weit fährt und der zu 100% recycelt wird. Heute ist das Akku Recycling übrigens schon bei 97% (VW Salzgitter/Duesenfeld).
- Die Autos sind so teuer, dass nur wenige Autos auf den Straßen zu sehen sein werden.
- Wasserstoff für stationäre Aufgaben, Flugzeuge, Schiffe, für die chemische Industrie und die Stahlindustrie, für Power to Gas etc. ist sehr sinnvoll, sicher aber nicht für ineffiziente PKW. Bei LKW gilt es, so viel wie nur geht, auf die Schiene zu bekommen. LKW für die letzte Meile können auch elektrisch fahren, die neuesten Entwicklungen schaffen sogar 1000 km Reichweite vor dem ersten Laden.

 

Die blinden Flecken des Joseph Dillard bei seiner Beurteilung des integralen AQAL-Weltbildes

Gerhard Höberth, 25. April 2021

Am 6. April 2021 veröffentlichte die Webseite one-mind einen Artikel von Joseph Dillard zu den »Blinden Flecken im integralen AQAL-Weltbild«, auf den ich in einer Diskussion hingewiesen wurde, weil es die Position meines Diskussionspartners genau beschreibe. Zitat: »da steht eigentlich alles drin«.
Aus diesem Grund habe ich mich entschlossen, diesen Artikel genauer unter die Lupe zu nehmen und Punkt für Punkt (Überschrift für Überschrift) durchzugehen.
Zunächst will ich aber feststellen, dass ich diese Kritk am AQAL-Weltbild nicht deshalb kritisiere, weil ich der Ansicht bin, dass es keine Probleme in der Szene integraler Menschen gäbe. Ich trenne nur gerne zwischen der Theorie und den sie vertretenden Menschen.
Es gibt ZB in den USA sehr viele »Integrale«, die der Ansicht sind, »integral denken heißt rechts denken«. Dies begründen sie damit, dass durch die Erkenntnis der Entwicklungsebenen einerseits klar wird, dass jeder selbst die Verantwortung für seine Persönlichkeitsentwicklung trägt und andererseits bei der Gestaltung der Gesellschaft auf die Bedürfnisse der unteren Ebenen Rücksicht zu nehmen ist, wodurch sich (wegen Ebene Blau) eine strenge Low&Order Hierarchie mit patriarchalen Strukturen als konservative Werthaltung zwingend ergibt.
Andererseits gibt es auch Stimmen (die vermehrt in Europa auftauchen), die besagen, »integral denken heißt links denken«. Begründet wird dies mit steigenden moralischen Fähigkeiten und einer permanenten Vergrößerung des »Tellerrandes« der Perspektive und der Aufgabe, dem einzelnen einen Kontext anzubieten, der seiner persönlichen Entwicklung förderlich ist.
Ich halte beide Positionen für falsch, da linkes und rechtes Denken nichts mit den Entwicklungsebenen zu tun hat, sondern mit einer unterschiedlichen Gewichtung der Quadranten auf ALLEN Ebenen. Aber das ist eben der Punkt: Man kann nicht das System von AQAL dafür verantwortlich machen, dass manche ihre persönlichen politischen Vorlieben mit diesem System rechtfertigen wollen.
Wie ich hier versuchen werde aufzuzeigen, macht auch Joseph Dillard mit seiner Kritik nichts anderes. Er kritisiert das System als zu theoretisch, weil es in der Praxis von manchen in einer Form ausgelegt wird, die seinen Vorlieben entgegenstehen.

 

Wenden wir uns also dem Artikel selbst zu:

Zunächst kommt eine Würdigung von Wilbers Werk, dem ich mich durchaus anschließe. Unter anderem:

»Sein Vier-Quadranten-Ansatz zum Verständnis der Realität ist von unschätzbarem Wert, um Gleichgewicht und Inklusivität in jeder Weltanschauung zu unterstützen. Konzeptionell leistet AQAL eine lobenswerte Arbeit, ....«

Dies dient - wie ich vermute – einerseits der durchaus wichtigen Vermittlung, dass sich der Autor eingehend mit der Theorie befasst hat (was er ohne Zweifel hat) und andererseits der Vorbereitung der Abgrenzung von anderen Kritikern Wilbers, denen der Autor nicht folgen will:

»Ich stimme nicht mit einigen der häufigsten Kritiken an Wilber und Integralem AQAL überein, zum Beispiel, dass es “zu intellektuell” ist und dass es an Gefühl und Mitgefühl mangelt.«

Und später:

»Ich schätze Integral AQAL aufrichtig und respektiere Wilber hoch für seine vielfältigen wichtigen Beiträge zu meinem Wachstum und für den Fortschritt des menschlichen Verständnisses im Allgemeinen.«

In dieses Lob wird schließlich die Ankündigung der Kritik verpackt:

»Dies ist der Kontext des Respekts und der Wertschätzung, in dem ich die folgenden Kritiken an dem anbiete, was ich als Einschränkungen des Integralen AQAL, wie es gegenwärtig formuliert ist, betrachte.«

Ehrlicherweise schränkt er seinen Standpunkt ein. Man muss dem Autor also hoch anrechnen, dass er sehr vorsichtig mit seiner eigenen Kritik umgeht:

»Es ist jedoch leicht, Integral, irgendetwas oder irgendjemanden zu kritisieren; es ist viel schwieriger, vernünftige und praktische Wege zu einer Synthese höherer Ordnung oder einer noch umfassenderen Variante von Integral vorzuschlagen.
... Gleichzeitig muss die übliche Kritik, dass alternative Ansichten abgetan werden können und sollten, als kämen sie von einer niedrigeren Entwicklungsstufe, sorgfältig bedacht werden.«

Soweit so gut. Dann aber folgt die Immunisierung gegenüber jeder Kritik an seinen Einwänden:

»In integralen Foren verbergen sich hinter solchen Argumenten oft oberflächliche Ablehnung, Abwertung und Elitismus, Exzeptionalismus und Hybris.«

Darf man also die integrale Theorie selbst auf seine Kritik nicht anwenden, wenn man sich nicht einer elitären Hybris verdächtig machen will?
Leider funktioniert das so aber nicht. Deshalb werde ich den Verdacht riskieren, oberflächlichen Exzeptionalismus zu betreiben (indem ich dem Irrglauben aufsitze, dass der Autor in seinem ersten Abschnitt recht haben könnte, dass die AQAL-Theorie zum Verständnis etwas beitragen könne.)

Um zu zeigen, dass seine Kritik keinem Prä-Verständnis der Theorie entspringt, sondern einem Trans-Verständnis, geht er kurz auf verschiedene Stadien bei der Konfrontation mit Lehren allgemein ein:

»Der klassische Bogen der Beziehung zu Lehrern, Gurus, Arbeitgebern und Zugehörigkeiten kann als vier Stadien konzeptualisiert werden: Flitterwochen-, Widerstands-, Produktiv- und Abbruchphase.«

Er selbst befindet sich dabei – wie er betont – in der Post-Abbruchphase, in der er jede Idealisierung der Lehre durch die »Gelegenheit zur psychologischen Anpassung« durch die »Fünf Stufen der Trauer« (Kübler-Ross) abgelegt hat.
Dabei beansprucht er für sich eine Weiterentwicklung, die er so beschreibt:

»Wenn wir uns erlauben, Perspektiven außerhalb der Echokammer des Gruppendenkens in Betracht zu ziehen, wird unsere Gewissheit über unsere Weltanschauung, unser Engagement oder unsere Beziehung schließlich beginnen, in Frage gestellt zu werden.«

... und in der Konsequenz erklärt er – ohne es explizit zu benennen –, was in der AQAL-Theorie das 2. Rang-Bewusstsein genannt wird:

»Das führt zu einem reiferen Engagement für die Arbeit, um Dinge zu erledigen, um die Sache, das Unternehmen oder die Beziehung aufzubauen. Wir sind uns der Kompromisse und Abstriche bewusst, die wir machen, und wir akzeptieren sie, weil das Vorantreiben der kollektiven Ziele der Sache wichtiger ist als die Nachteile oder Einschränkungen, die wir erfahren haben. Solche Menschen sind nicht so sehr wahre Gläubige als vielmehr Praktiker dieser oder jener Spielart der “Realpolitik”. Wie Machiavelli können sie objektiv Vor- und Nachteile abwägen....«

Das ist bemerkenswert, weil es genau das Thema seiner späteren Kritik an AQAL betrifft. Ich werde darauf zurückkommen.
Nun folgen einige persönliche Hintergründe des Autors, an denen vor allem sein Hinweis auf seine Yoga-Praxis interessant ist:

»Der Unterschied ist, dass diese [AQAL] von einem stabilen Gefühl des Selbst, “mir selbst”, geleitet werden. Das Yoga, das ich machte, wurde in Zusammenarbeit mit einem sich ständig verändernden Kollektiv von multiplen Perspektiven und Weltanschauungen geleitet. Anstatt psychologisch geozentrisch zu sein, war es psychologisch polyzentrisch. AQAL ist es nicht. Dieser Unterschied war die Grundlage für meine Kritik an AQAL.«

Meiner Meinung nach hat er da aber AQAL falsch interpretiert, denn am Ende ist AQAL nicht auf »das stabile Gefühl des Selbst« gegründet, sondern auf die Stabilität des Zeugen in mir selbst. Das ist ein großer Unterschied, denn das schließt sehr wohl ein »sich ständig verändernden Kollektiv von multiplen Perspektiven und Weltanschauungen« mit ein. Aber es weist gleichzeitig immer darauf hin, dass es immer nur die Perspektive MEINES ZEUGEN ist, wenn ich muslitperspektivisch zwischen den Weltanschauungen wechsle (und zwar völlig unabhängig davon, wie sehr man davon überzeugt ist, dass man tatsächlich [ontisch] die Perspektive von anderen Standpunkten einnimmt).
Und dann kommt der Hauptpunkt, auf den sich seine später Kritik aufbaut:

»Zusätzlich hörte ich mir die Perspektiven von mehreren Leuten an, die Wilber aus moralischen Gründen kritisierten.«

(Darauf komme ich dann zurück, wenn es um die konkrete Kritik geht.)
Nun kommt der zweite Abschnitt des Artikels, in dem die Kritik konkretisiert wird.
Zunächst beschreibt er das Problem jeder Lehre, die ein stetiges Kontinuum in diskrete Schubladen zu ordnen versucht:

Ohne Schubladen keine erkennbare Ordnung, aber mit Schubladen ein die Wirklichkeit vergewaltigendes Prokrustes-Bett. Der Prozess der Wahrnehmung muss durch die Schubladen geschult, dann aber von diesen befreit werden. Dieser Prozess ist nicht abkürzbar, indem man von vorne herein auf die Schubladisierung verzichtet. Dafür gibt es auch die im AQAL die Metapher der generellen psychologischen Entwicklung von Prä-Persönlich über »Ich-Bewusstsein« zu Trans-Persönlich. Die Pathologien eines solchen Prozesses mag man bedauern, aber man muss damit umgehen. Inkludiert ist die Hybris derjenigen, die diesen Prozess gerade durchlaufen und die Landkarte der Schubladen mit der Wirklichkeit verwechseln. Diese blinden Flecken sind also nicht AQAL-spezifisch, sondern ein generelles Prinzip von Theorien, welche die Wirklichkeit erklären wollen.

Dann aber macht der Autor seinen Kardinalfehler:

»Für uns alle, in unseren alltäglichen Beziehungen im äußeren kollektiven Quadranten, ist die Moral, nicht die Kognition, führend.«

Wenn man schon eine Linie (wie Kognition, Selbstsystem, Moral, Spiritualität, ... ) darauf anwenden will, dann ist es die Sozialkompetenz im Dialog. Aber Dillard beschränkt die gesamte Morallinie auf diesen Teil, als ob es zu Moral nicht mehr zu sagen gäbe. Mit dieser überhöhten Einseitigkeit der moralischen Linie führt er dann seine Kritik fort.
Wobei ich keinesfalls behaupte, dass Moral, die »funktional aus Respekt, Gegenseitigkeit, Vertrauenswürdigkeit und Empathie besteht« nicht wichtig wäre. Natürlich ganz im Gegenteil. Nur seine Verallgemeinerung ...

»Wo sie nicht vorhanden sind, oder eine oder mehrere dieser vier fehlen, ist diese Schlussfolgerung problematisch«

... ist selbst problematisch und führt ihn auf die falsche Fährte, weil er das weite Feld der Moral auf die Sozialkompetenz im Dialog beschränkt und damit die Morallinie aus der Perspektive der 6. Ebene auf die Emergenz der Bernsteinebene (Dialog mit dem Du / Blau / 4. Ebene) festfriert (was das genau bedeutet, dazu später mehr).
Aber schon begehe ich den Frevel, seine Kritik am AQAL-Modell mit dem AQAL-Modell selbst zu kritisieren. Wenn man nun seiner Immunisierung folgt, kann man leider mir nicht mehr folgen. Nichts desto trotz werde ich das gleich im nächsten Abschnitt näher erläutern.
Denn nun kommt Dillard zum Hauptpunkt seiner Kritik.
Er zeigt es exemplarisch am Beispiel Obamas, der einerseits als Person sicherlich ein hohes moralisches Urteilsvermögen besitzt, trotzdem aber Drohnenangriffe genehmigt und riskiert, Zivilisten damit zu töten. Um zu untermauern, was er meint, zitiert er Caitlin Johnstone mit folgenden Worten:

»Ein normaler amerikanischer Libertärer, der Krieg und Militarismus konsequent ablehnt, ist ein besserer Mensch als jeder westliche selbsternannte “Linke”, der das nicht tut. Wir reden hier über Massenmord. Es spielt keine Rolle, wie gut deine anderen Positionen sind, wenn du mit Massenmord für Macht einverstanden bist.«

... und schreibt dazu:

»... ich finde es schwierig, Frau Johnstone nicht zuzustimmen.«

Ja, auch ich finde es schwierig, dieser populistischen Simplifizierung nicht zuzustimmen. Aber sie deckt auch gar nicht die reale Bandbreite der Probleme ab, die in der Praxis gelöst werden wollen. Er schrieb doch gerade vorher noch:

»Das führt zu einem reiferen Engagement für die Arbeit, um Dinge zu erledigen, ... Solche Menschen sind ... Praktiker ... der ‚Realpolitik‘. Wie Machiavelli können sie objektiv Vor- und Nachteile abwägen ...«

Wo ist diese differenzierende Beurteilung plötzlich hin verschwunden?
Weiter führt der Autor aus, warum ihm das wichtig ist, denn es handelt sich bei der Moral – wie er sagt – um eine »Kernlinie«. Wird diese Linie nicht auf allen vier Quadranten entwickelt, verhindert sie die Transformation der Gesamtentwicklung.
Dann führt er es konkret aus, was für ihn das Problem darstellt:

»Das ist nicht nur bei Obama der Fall, sondern bei uns allen, weil wir in Gesellschaften verstrickt sind, die entweder präkonventionell unmoralisch oder präkonventionell amoralisch sind, oder eine Kombination aus beidem. Wir wissen das zumindest durch ihre Unterstützung illegaler Kriege und der israelischen Apartheid. Unser moralischer Entwicklungsstand ist größtenteils amoralisch, weil er mit einem Wirtschaftsmodell verwoben ist, das amoralisch ist (Profit geht vor Menschen) und einem nationalen Modell, das unmoralisch ist (Macht macht Recht). Die unausweichliche Schlussfolgerung ist, dass unser gesamter Entwicklungsstand im mittleren präpersonalen, nicht im postpersonalen Bereich liegt.«

Im Prinzip zeigt er damit nur auf, wie jenes Kollektiv, in das ich als Einzelwesen eingebunden bin, meine eigene Persönlichkeitsentwicklung mit prägt. Ist das Kollektiv weit entwickelt, ergibt es einen Sog, der auch mir die Entwicklung erleichtert. Ist es weniger weit entwickelt, wirkt dies als Hemmung, weil ich mich zwangsläufig immer irgendwie zu arrangieren habe, wenn ich in meiner Kultur überleben will. Daraus schließt er aber weiter:

»Das ist eine schockierende Schlussfolgerung für die meisten Integralisten; sie wollen es nicht glauben. Sie wollen es nicht akzeptieren. Wir können jedoch unsere persönliche Entwicklungsebene nicht von der des Kollektivs, mit dem wir identifiziert sind, abtrennen, ohne unsere gegenseitige Abhängigkeit mit dem äußeren kollektiven Quadranten zu leugnen und aufzugeben.«

Und da liegt er meiner Meinung nach falsch. Dieser Konflikt manifestiert sich NICHT bei allen Integralen als Schock oder als ein »nicht akzeptieren wollen«, sondern viele erkennen darin einen Teil ihrer sozialen Aufgabe.
Ich gebe ihm zwar recht, wenn er schreibt:

»Für diejenigen, die versuchen, ihre persönliche Reise zur Erleuchtung von den Gesellschaften, in die sie verstrickt sind, zu trennen, ist die Antwort, dass sie vorgeben, dass Entwicklung ohne die Tetraverflechtung des äußeren kollektiven Quadranten stattfinden kann. Das kann sie nicht. Sie tut es nicht.«

Aber seine Wahrnehmung »Integralisten sind unter der durchdringenden Illusion, dass sie es können ...«, kann ich nur bei den Esoterikern feststellen, die nebenbei auch einmal Wilber gelesen haben
Das ganze Problem, dass er hier mit dem System von AQAL hat, entsteht aus der Illusion, Moral sei eine einzige Linie.

Ich möchte dazu das Buch »Evolution der Ethik« von Emerich Sumser empfehlen, in dem er auf verständliche Weise drei verschieden, sich teilweise überlappender und sich teilweise widersprechende Ethiken und der jeweils damit verbundenen Moral ableitet (Interaktive Ethik, identitäre Ethik und intime Ethik und die Universalität als Metaethik) und kurz daraus zitieren:

»Die Existenz von je eigenen Sicherheitsregeln und Chancen des Engagements in den unterschiedlichen Beziehungstypen, die ja einen uneinheitlichen ultimaten Ursprung besitzen, hat zur Folge, dass es prinzipiell unlösbare, ethische Konflikte geben kann, die Kompromisse in Form von tragischen Trade-Offs erforderlich machen. Dies ist dann nicht immer ein Ergebnis mangelnder Informationen oder zu wenig sorgfältigen Abwägens, sondern ein der praktischen Ethik inhärentes Problem.«

Joseph Dillard zielt daher völlig am eigentlichen Ziel einer integralen Entwicklung vorbei, wenn er meint:

»Sind wir Holons, die mindestens vier Quadranten besitzen, oder nicht? Wenn wir es sind, dann muss das externe Kollektiv auf der moralischen Kernlinie tetra-mesh sein, damit wir von Ebene zu Ebene vorankommen können. Das tut es nicht und kann es nicht, solange unser Kollektiv in einer amoralischen Wirtschaftsordnung und einer unmoralischen nationalen Beziehung zu anderen Staaten verstrickt ist.«

Das ist ein ad hoc Ausschlußkriterium für jede integrale Entwicklung, die impliziert, dass NIEMAND, der in unsere Gesellschaft integriert ist, gleichzeitig moralisch entwickelt sein könnte. Außer, er zieht sich vollkommen aus der sozialen Gemeinschaft zurück, nutzt keine ihrer Infrastrukturen und besinnt sich im direkten Dialog (therapeutisch / Grün / Perspektive der 6. Ebene) ausschließlich auf die Moral des Du (intersubjektive Empathie / Bernstein / 4. Ebene) und verdrängt damit das Toleranzparadoxon der 6. Ebene, welches als Antrieb zur Transformation zum 2. Rang-Bewusstsein fungiert. AQAL beinhaltet damit explizit die unauflösliche Paradoxie dieser moralischen Diskrepanz, die er anprangert.
Das Ergebnis führt uns Dillard vor Augen: Wer nicht moralisch eindeutig ist (6. Ebene der allumfassenden Toleranz), ist auf jeden Fall Prä-Grün und keinesfalls wirklich integral, sondern verfällt einer exzeptionalistischen Hybris, in der er nur meint, weiter zu sein. Verwendet man nur AQAL zur Interpretation dieser Kritik an AQAL, erkennt man eine Prä-Trans-Verwechslung auf der grünen Ebene. Aber das lässt die anfängliche Immunisierung ja nicht zu.

Für Joseph Dillard ergibt sich das Problem aus der Akzeptanz der In-Group. Integrale bestätigen sich gegenseitig in ihren Theorien und in ihrer Hybris besser zu sein und erkennen deshalb nicht ihre moralische Verkommenheit.

So ein Verhalten ist ohne Zweifel ein Problem der Infoblasen der heutigen Zeit. Ich sehe es deshalb nicht als Problem von AQAL, sondern als generelles Problem des Prozesses der Schulung, wie ich es bereit weiter oben angeführt habe, als ich schrieb: »Die Pathologien eines solchen Prozesses mag man bedauern, aber man muss damit umgehen. Inkludiert ist die Hybris derjenigen, die diesen Prozess gerade durchlaufen und die Landkarte der Schubladen mit der Wirklichkeit verwechseln.«

Wenn Dillard schreibt:

»Der Grund, warum das wichtig ist, ist, dass es fast ein tödlicher Schlag für die Glaubwürdigkeit von Integral in den Augen derjenigen ist, die die Empfänger der unmoralischen und amoralischen Handlungen der Kollektive sind, in die wir eingebettet sind und die uns repräsentieren. Ob sie nun Opfer von Drohnenangriffen oder von Waffenverkäufen an Saudi-Arabien sind, oder ob sie obdachlose Kinder auf den Straßen von San Francisco oder Los Angeles sind, ... Es gibt eine große und tiefe Kluft zwischen den Anliegen der Alltagsmenschen und dem durchschnittlichen Integralisten, und das untergräbt die Glaubwürdigkeit von Integral AQAL und seinen Anhängern.«

... dann begeht er den Fehler, dass er WILL, dass die gesamte Gesellschaft bitte sofort auf jenen Entwicklungsstand zu sein habe, auf der sich ein Integraler befindet, der Teil dieser Gesellschaft ist. Aber auch Integrale können nicht zaubern.
Und zu seiner Aussage, die Glaubwürdigkeit von Integral AQAL würde damit untergraben schreibt er selbst vorher ja schon:

»... diese Menschen kümmern sich nicht um Integral, Integralisten, den zweiten Rang oder die Aufklärung. Was sie interessiert, ist die Moral ihrer alltäglichen Interaktionen und der Grad der ethischen Besorgnis, den ihre Regierung gegenüber ihrem Bedürfnis nach einem existenzsichernden Lohn und erschwinglicher Gesundheitsversorgung und Bildungsmöglichkeiten für sich und ihre Familien zeigt.«

Und genau daran zu arbeiten ist die Aufgabe der Integralen, was zugegebenermaßen und bedauerlicherweise viele der im Prozess des Lernens steckenden und sich bereits Integral wähnenden Menschen nicht tun. Aber damit müssen wir als Integrale eben auch umgehen lernen.
Ein weiterer Kritikpunkt ist die Hybris der »Erleuchteten«, wie ich es nennen würde.
Dies teilt sich für mich in zwei Fragmente auf: Der erste Teil ist die Hybris mancher Integraler zu meinen, aufgrund spiritueller Erfahrungen, die Wahrheit zu kennen:

»Wenn jemand behauptet, er habe Zugang zu dieser [absoluten Wahrheit], ... dann gelten moralische Normen nicht ...«

... was ich wieder in dieses generelle Problem jedes Lernprozesses einordnen würde, ohne es natürlich damit entschuldigen zu wollen. Aber reife Integralität sollte gerade über jeden Wahrheitsanspruch erhaben sein. Schließlich wurden auf der grünen Ebene bereits die »Großen Erzählungen« von Strukturalismus und Konstruktivismus dekonstruiert. Andererseits darf man aber auch nicht übersehen, dass auf Ebene gelb eine neue »große Erzählung« (entwicklungspsychologische Wertehierarchie) auf den Trümmern dieser Dekonstruktion wieder aufgebaut wurde und man nicht den Fehler machen darf, diese mit den Erzählungen der orangenen Ebene zu verwechseln.
Das zweite Fragment dieses Vorwurfs liegt in folgendem:

»Was ... bewirkt, ... [dass sie] Wissenschaft ignorieren können, die nicht mit ihren mystischen Erfahrungen übereinstimmt. ... Das ist es, was Wilber mit der Evolution getan hat, indem er das Auge des Geistes benutzt hat, um “Eros als Geist-in-Aktion” als teleologische Erklärung für die Evolution zu bestätigen, während er die zunehmenden wissenschaftlichen Beweise, dass dies einfach nicht wahr ist, ignoriert und außer Acht lässt.«

Nun, ich kenne sicherlich nicht jedes Detail von Wilbers »Primat des Bewusstseins« als angeblichen teleologischen Hauptantrieb der Evolution. Aber ich habe mit meinem evolutionären Idealismus einen ähnlichen Ansatz, der eine Teleologie des Kosmos beinhaltet, die aber in jedem Detail mit einer scheinbar zufälligen Evolution, wie sie die Wissenschaft beweist, kompatibel ist.

Dillards Vorwurf geht dann sogar so weit, dass er Wilber vorwirft, ...

»... damit eine künstliche Dualität zwischen zwei irrealen Bereichen .. [zu erschaffen]: Idealismus und Materialismus.«

... was ich nun überhaupt nicht nachvollziehen kann, weil es IMHO gerade Wilber mit seiner integralen Theorie geschafft hat, eine monistische Ontologie zu entwerfen, die weder idealistisch noch materialistisch ist.
Aus diesem Grund kann ich auch – aus dem bisher Gesagten hoffentlich nachvollziehbar – den nächsten Vorwurf nicht zustimmen, weil für mich Wilbers Position eindeutig transrational ist.

»Damit etwas trans-rational sein kann, muss es das Rationale einschließen. Aber Wilber antwortet nicht auf die Wissenschaft der Evolution. Stattdessen besteht er einfach darauf, dass seine Position postrational und transpersonal ist.«

Vielleicht habe ich da bei Wilber etwas überlesen. Oder er beachtet vielleicht Forschungsergebnisse aus der Epigenetik, die Joseph Dillard nicht bekannt sind. Ich kann das nicht beurteilen, es würde mich aber sehr wundern, wenn Wilber Forschungsergebnisse zur Evolution ignorieren würde.
Joseph Dillard fasst nun seine Vorwürfe so zusammen:

 »[Integral AQAL] überschätzt ernsthaft und massiv den Grad der Gesamtentwicklung von Integralisten, während es die Relevanz von Tetra-Mesh auf der moralischen Linie ignoriert oder außer Acht lässt. Das Ergebnis ist Hybris, Exzeptionalismus und Elitismus, der die Glaubwürdigkeit von Integral für Nicht-Integralisten zerstört.
Die Lösung für dieses Problem ist einfach. Zu erkennen und ernst zu nehmen, dass, während die kognitive Linie in der persönlichen Entwicklung führt, die moralische Linie in unserer kollektiven und allgemeinen Entwicklung führt.«

Er beachtet dabei eben nicht die von mir weiter oben angeführten prinzipiell unlösbaren, ethischen Konflikte und tut so, als wäre die Love&Peace-Einstellung der Hippiebewegung, die eindeutig dem grünen Meme zuzuordnen ist, das Ende der Fahnenstange der moralischen Entwicklung. Dabei ist die Transformation auf die nächste Ebene nur durch die Erkenntnis des Paradoxons dieser Einstellung möglich.
Auch wenn er danach ausführt:

»Die persönliche Entwicklung ist aufgrund der Beziehungen im äußeren kollektiven Quadranten von unserer kollektiven Entwicklung abhängig. Um es in einem buddhistischen Rahmen auszudrücken, ist das grundlegende Prinzip pratityasammupada – interdependente Co-Kreation. Ohne unsere Brüder und Schwestern kommen wir nicht weiter. Persönliche Erleuchtung, ohne die Ärmsten hochzuheben, ohne für soziale Gerechtigkeit zu sorgen, ist einfach grandios und narzisstisch.«

... gebe ich ihm in der Theorie absolut recht. Sie ist »true but partial«. Denn genauso gilt die Umkehrung. Kollektiv und Individuum sind nicht in der einen oder der anderen Richtung mit einer Ursache-Wirkung-Einbahnstraße verbunden, sondern Partner in einem prozesshaften Tanz gegenseitiger Abhängigkeiten.
In der Praxis zu fordern, dass das Kollektiv zuerst auf ein bestimmtes Level gebracht werden muss, bevor man sich erfolgreich um die eigene Fortentwicklung kümmern kann, bedeutet, dass wir damit gerade die AQAL-Theorie, die uns zu dieser Erkenntnis gebracht hat, ignorieren, indem wir so tun, als könnten alle Menschen sofort alle Entwicklungsebenen überspringen und würden – wenn unsere Politik nur ausreichend sozial ist – sofort auf Grün springen.

Natürlich ist unbestritten, dass mit sozialerer Politik sehr viel erreicht werden könnte. Klar sollte aber auch ihm sein, dass es keinen Integralen gibt, der diktatorisch die Weltpolitik determinieren kann, um das umzusetzen. Wäre jedoch einer von den Integralen in einer solchen Position, wäre er augenblicklich mit den prinzipiell unlösbare, ethischen Konflikten konfrontiert, die Kompromisse in Form von tragischen Trade-Offs erforderlich machen, wie Präsident Obama. Die ethischen Paradoxa der Wirklichkeit lassen sich nicht mit simplifizierter Moral lösen, auch wenn es »von unten« so aussehen mag.

Der nächste Kritikpunkt betrifft einen völlig anderen Punkt und macht damit einen neuen Themenkomplex auf. Trotzdem möchte ich kurz auch darauf eingehen. Denn in diesem Abschnitt thematisiert Dillard einen Bereich, in dem ich selbst langjährige praktische Selbsterfahrung habe.

»Seine Idee der Integration des Träumens, die Wilber vorschlägt, ist entweder die Kolonisierung durch die Wachidentität über das luzide Träumen oder ihre Auslöschung durch das Erreichen des meditativen klaren Gewahrseins während der Meditation. Keiner der beiden Ansätze respektiert die Träume und begegnet ihnen zu ihren eigenen Bedingungen. Keiner der beiden Ansätze nimmt das Träumen als einen gleichwertigen Bewusstseinszustand ernst. AQAL versäumt es daher, eine Methodik zur Integration des Traumzustandes anzubieten. Integral will direkt zum Transpersonalen springen, ohne den Traumzustand zu integrieren.«

Soweit ich mich erinnern kann, beschreibt Wilber in »Integrale Spiritualität« ‚Meditation auf eine Form‘ oder ‚Visualisierungen‘ als eine Variation des Traumzustandes. Und ich selbst erlebe neben formloser Meditation und luzidem Träumen immer wieder die schamanische Kraft des subtilen Traumzustandes. Insofern glaube ich nicht, dass Wilber den Traumzustand weniger integriert hat, als ich es tue. Meditation auf eine Form‘ oder ‚Visualisierungen‘ finden eben NICHT als luzide Träume mit wachem Ich-Bewusstsein statt. Der Unterschied zu normalen Träumen liegt lediglich in der mentalen Vor- und Nachbereitung des Geträumten. Insofern integriert man damit den Traum als das, was er ist und versucht nicht, ihn mit anderen Zuständen zu »kolonisieren«.

Nach diesem Schwenk zu einem anderen Thema kommt er wieder zu seiner Vorstellung von monolithischer Moral zurück und schreibt:

»Ein weiterer blinder Fleck ist das verbale Bekenntnis von Integral zum Weltzentrismus, aber ein verhaltensmäßiges Bekenntnis zum Ethnozentrismus.«

Auch hier wird von ihm als »blinder Fleck« bezeichnet, dass man von einem Bekenntnis zum Weltzentrismus die AQAL-Erkenntnis der Entwicklungshierarchien nicht subtrahiert. Es wird also ein weniger umfassendes Weltbild als das idealere hingestellt. Eines, das im Verhalten auf die Berücksichtigung der offensichtlichen Entwicklungsebenen verzichtet, denn die wären schließlich nur exzeptionalistische Hybris. Dies ist aber das Meme von Grün. Womit ich natürlich wieder gegen seine Immunisierung verstoße, wie er selbst gleich im nächsten Absatz nochmal ausführlich erklärt:

»Weltzentrismus muss praktiziert werden, um in einer Welt ... real zu sein, aber es ist unmöglich, darauf hinzuweisen, ohne als Social Justice Warrior geteert zu werden, am Mean Green Meme hängen zu bleiben, ein Unterstützer der Autokratie zu sein oder den gefürchteten Vorwurf des Antisemitismus zu erhalten.«

Und weiter schreibt er, um das zu präzisieren:

»Versuchen Sie, in einem integralen Forum Positives über China, Xi, Russland, Putin oder den Iran zu sagen, und sehen Sie, was passiert. Versuchen Sie, in einem integralen Forum für die Rechte der Palästinenser einzutreten, und sehen Sie, was passiert.«

Dies erinnert mich leider sehr stark an das »das wird man doch noch sagen dürfen« der rechten Reaktionäre, die beleidigt reagieren, wenn sie ihre patriarchalen Rollbacks nicht unwidersprochen verlautbaren dürfen. Meinungsfreiheit bedeutet auch in integralen Foren, dass man Widerspruch aushalten muss. Jede Meinung kann nur so frei sein, wie derjenige, der sie äußert, eine gegenteilige Meinung verträgt. Aber stattdessen wird jenen, die hier den Widerspruch wagen, (diktatorischer) Opportunismus vorgehalten:

»Integralisten, von der Spitze an abwärts, ... weigern sich, das Gruppendenken herauszufordern, ...«

Und weiter heißt es:

»Integral vermeidet Verantwortung durch eine Minimierung, Ignorierung oder Abwertung der Wichtigkeit von sozialer Gerechtigkeit.«

Begründet wird dieser Rundumschlag gegen die Integralen mit einer sozialen Dringlichkeit, die ich durchaus nachvollziehen kann, die aber an den Umständen nichts ändert.

»In welchem Jahrhundert sollen wir denn die positiven Ergebnisse dieser Agenda sehen? Hat jemand die Integralisten darüber informiert, dass der Westen bereits auf geliehener Zeit lebt?«

Genau diese Argumente verwende ich auch immer, aber mit gegenteiligen Schlussfolgerungen. Es geht nicht darum, Love&Peace in der praktischen Politik einzufordern, sondern dass wir mit Augenmaß die Entwicklungsstufen der Protagonisten des Weltgeschehens adäquat beachten und darauf mit unseren Möglichkeiten und in unserem Umfeld drauf reagieren. Und zwar so, dass wir nicht wie die beleidigten Leberwürste beklagen, dass niemand auf uns hört und davon überzeugt sind – wie es Ronan Harrington im letzen EVOLVE (Nr.30) so treffend ausdrückte – »Wenn nur der Rest der Welt so denken und handeln würde wie ich, dann wäre die Welt ein besserer Ort.«, sondern so, dass wir als integrales Vorbild die Ebenen verstehen, ohne mit den Handlungsmotivationen einverstanden zu sein, gleichzeitig aber die Widersprüchlichkeit der Ethik der unterschiedlichen Ebenen akzeptieren.

Dillard geht sogar so weit Wilber mangelnde persönliche Moral vorzuwerfen, weil er nicht seiner monolithischen Illusion von Moral folgt:

»Es gibt jedoch wenig Zweifel, dass Wilber dazu tendiert hat, seine moralischen Fehler zu übersehen. ...«

Nur, um danach den »Mangel an Moral« mit den meritokratischen Tendenzen der wirtschaftsliberalen Gesellschaftsordnung zu verbinden:

»Anstatt die Probleme mit der hinterherhinkenden moralischen Linie zu beheben, werden wir dazu gedrängt, auf den Linien der kognitiven, selbstsystemischen und spirituellen Intelligenz voranzurennen.«

Ich kann mir das nur so erklären, dass Therapeuten und Coaches das Meme der grünen Ebene zu ihrer Kernkompetenz gemacht haben:

  • umfassende Toleranz
  • wertungsfreie Empathie
  • die Beobachtung des »objektiven« Beobachters
  • die Dekonstruktion pathologischer »Gewissheiten«

Dies scheint zur Betriebsblindheit zu führen und im eigenen Inneren die Meinung zu festigen »Wenn nur der Rest der Welt so denken und handeln würde wie ich, dann wäre die Welt ein besserer Ort«, ohne die Erkenntnisse über Entwicklungsebenen in AQAL mitzubedenken.

Stattdessen wird »Verständnis« mit »Einverständnis« gleichgesetzt, was dazu führt, dass man allen, die die Ebenen nicht nur theoretisch verstanden haben, sondern auch praktisch anwenden, Hybris und Exzeptionalismus vorwirft: Wer nicht mit den Motivationen und Handlungen anderer einverstanden ist, der hat sie wohl nicht verstanden. Dass man verstehen kann, ohne einverstanden zu sein, kommt in dem Weltbild von Grün noch nicht vor.

Die Erfahrungen im direkten therapeutischen Dialog mit einem einzelnen Gegenüber, in dem ehrliches Einfühlen und empathisches Verständnis wichtige Mittel zur Vertrauensbildung sind, werden danach auf gesellschaftliche Mechanismen übertragen und jedes ethisch-moralische Dilemma, dass sich aus der Notwendigkeit kollektiver Entscheidungen ergibt, wird konsequent ausgeblendet:

»Dies ist ein kulturelles Phänomen, das keineswegs auf Integral beschränkt ist. Vielmehr ist es ein weiterer Beweis dafür, dass Integral ein Geschöpf des Gruppendenkens ist, in das es eingebettet ist.«

Und in einer Prä-Trans-Verwechslung wird jeder integrale Gedanke, der nicht mit den eigenen übereinstimmt, in den unteren, orangenen Ebenen verortet:

»Die Wertschätzung herausragender Leistungen, ... anstatt die gleiche, wenn nicht sogar eine größere Betonung auf eine ausgewogene Entwicklung zu legen, legt einen Schwerpunkt auf herausragende Leistungen, Selbstkontrolle und Stärken, während Einschränkungen, Versagen, Unzulänglichkeiten und Schwächen minimiert oder ignoriert werden.«

Wobei ich nicht ausschließen will, dass einige der Integralen tatsächlich diesem neoliberalen Leistungskonzept der orangenen Ebene verfallen sind. Und tatsächlich hat Dillard recht mit der Diagnose:

»Das ist ein sicheres Rezept für persönliche, kollektive, nationale und zivilisatorische Überforderung, schließlich Implosion und Zusammenbruch.«

Aber das hat nichts mit AQAL zu tun.

Als nächster Punkt geht er auf die Situation während der Coronakrise ein. Wobei ich nicht genau verstehe, was er genau kritisiert und welche Alternativen ihm lieber wären. Will er mehr Diktatur wagen, wie in China? Oder mehr Freiheiten für das Individuum zum Preis höherer Todeszahlen und den partiellen Zusammenbruch des Gesundheitswesens, wie es Querdenker vorschlagen (»Wir dürfen den Tod nicht aus dem Leben verdrängen!«)?
Klar ist die Kritik am neoliberalen Umbau des Gesundheitswesens und dieser schließe ich mich absolut an. Aber wie man erkennen kann, gerät der Neoliberalismus durch die Coronakrise ohnehin in die Kritik und es ist zu hoffen, dass dies auch nach der Krise anhalten wird und man daraus lernt. Aber weder mehr individuelle Freiheiten, wie sie die Querdenker fordern, noch mehr Diktatur, die er implizit herbeisehnt, wenn er China für deren Krisenmanagement lobt, wäre eine brauchbare Alternative dazu.

Einen Kritikpunkt verstehe ich ganz und gar nicht: Dass die Farben von Spiral Dynamics keinem ontischen System folgen, liegt daran, dass sie tatsächlich und auch absichtlich außer der Unterscheidung der Stufen explizit keinen tieferen Sinn enthalten. Das zu kritisiere ist, als würde man den Elektrikern vorwerfen, dass die Farben Gelb und Grün keinerlei physikalischen Bezug zur Schutzfunktion des Erdleiters haben. Da ist die Kritik lächerlicher als das Kritisierte. Wilber hat zumindest versucht, die Farben der Abfolge der Lichtfrequenzen anzugleichen.

Auch den Vorwurf, die Begriffe »Geist«, »Spiritualität«, »Gott« und »Bewusstsein« wären zu schwammig und Wilber hätte »in Integrale Spiritualität fünf verschiedene Definitionen von Spiritualität« analysiert, verstehe ich nicht.

Ist es nicht so, dass man von einem Versuch einer genaueren Definition sprechen könnte, wenn Wilber die verschiedenen Bedeutungen durchleuchtet? Wie kann man dem System des Integralen »intellektuelle Unehrlichkeit« vorwerfen, wenn es ein philosophisches Problem darstellt, die durch diese Begriffe beschriebenen Gebiete eindeutig zu definieren und AQAL (vergeblich?) versucht, dies zu präzessieren?

Kommen wir zum nächsten Punkt:

»Die Menschheit braucht kein großes Erwachen zu AQAL und zu ihrer spirituellen Natur; was sie braucht, ist ein praktischer, weltlicher Gehorsam gegenüber internationalem Recht und kollektiven Normen, so dass die grundlegenden menschlichen Bedürfnisse erfüllt und die Menschenrechte respektiert werden.«

Ich sehe den Widerspruch nicht, den er hier aufspannt.
Natürlich ist der Prozess einer praktischen Verwirklichung internationalen Rechts und der Befriedigung grundlegender menschlicher Bedürfnisse eine wichtige Angelegenheit. Aber was davon sollte dem entgegenstehen, dass trotzdem ein Teil der Menschheit an der Vervollkommnung der Spirale von AQAL arbeitet?
Ich denke, seine Prä-Trans-Verwechslung wird deutlich bei folgendem Absatz:

»Wenn wir für eine transzendierende Weltsicht eintreten, ... aber unsere Beteiligung an Kollektiven, die unmoralisch oder amoralisch sind, ignorieren, dann ist die Wahrheit, dass unsere Gesamtentwicklung ... irgendwo auf der dysfunktionalen Seite der ... Entwicklungsstufen feststeckt.«

Die Emergenz von Gelb gegenüber der Ebene Grün liegt gerade darin, dass man erkennen und anerkennen kann, dass es verschiedene Entwicklungsebenen gibt, die man nicht ausgleichen kann, indem man alle Unterschiede egalisiert. Die Emergenz, die über grün hinaus geht, liegt in der Arbeit an der gesamten Spirale als Förderband. Zuerst alle Ungerechtigkeiten auszugleichen, die gerade durch die Tatsache entstehen, dass wir Menschen nicht alle auf derselben Entwicklungsstufe stehen können, ist ein sinnloses Unterfangen, das die gesamte Entwicklung nicht nur bremsen, sondern komplett aufhalten würde.

»Es ist, als ob das Konzept, dass man eine niedrigere Ebene einbeziehen muss, bevor man ihre Transzendenz behaupten kann, im integralen Denken nicht existiert.«

Hier scheint er selbst etwas zu verwechseln. Denn natürlich muss man die niedrigeren Ebenen einbeziehen, aber man muss auch anerkennen, dass sie eben niedrigere Ebenen sind und man sich nicht mal so aus dem Handgelenk hochhieven kann, um die Unterschiede zu egalisieren.
Es ist, als ob er uns erzählen möchte, dass wir nicht das Recht haben, uns weiter zu entwickeln, solange noch große Teile der Bevölkerung auf Stufen stehen, die niedriger sind als unsere eigene.
Aber man muss ihm zugute halten, dass er nicht nur kritisieren will, sondern auch Vorschläge macht, was man besser machen könnte.
Allerdings liest sich der entsprechende Abschnitt wie die Beschreibung der ersten Pathologie der Transformation von Grün nach Gelb: die Verweigerung durch Prä-Trans-Verwechslung. Die Anerkennung der aus den Ebenen entstehenden Hierarchien durch Stufe Gelb wird mit der Beförderung bestehender Hierarchien durch Stufe Bernstein/Blau und Orange gleichgesetzt.

»Klassenunterschiede sind zwar real, existieren aber hauptsächlich, um die Vorrechte derjenigen zu bewahren, die Status, Macht und Reichtum haben. Es ist in ihrem Interesse, uns dazu zu bringen, das Thema von den Klassenunterschieden auf die Erleuchtung oder irgendetwas anderes zu verlagern, damit ihre Position als der Vogel an der Spitze des Baumes unangefochten bleibt und die Vögel auf den unteren Ästen nicht merken, was ihnen auf den Kopf fällt.«

Dann kommt wieder die Betriebsblindheit der grünen Kernkompetenz zum Vorschein, denn das von ihm vorgeschlagene »viel authentischer integrale Modell« sieht so aus:

»Es priorisiert die humanistischen Bausteine der Moral: Respekt, Reziprozität, Vertrauenswürdigkeit und Empathie, statt eines intellektuellen Fokus auf Weltanschauung und Kognition.«

Es werden die prinzipiell positiven Emergenzen von Grün im zwischenmenschlichen Bereich wie umfassende Toleranz, wertungsfreie Empathie, die Beobachtung des »objektiven« Beobachters und die Dekonstruktion pathologischer »Gewissheiten« auf den gesamten Bereich des AQAL ausgedehnt.
Die Erkenntnis, dass in kollektiven Entscheidungen die Unterschiede der Ethik- und Moralformen miteinbezogen werden müssen, und dass Menschen unterschiedlicher Entwicklungsebenen in ihren Bedürfnissen und in ihren Handlungsintentionen unter einem gesetzlichen und handlungspolitischen Rahmen subsumiert werden müssen, wird dabei ignoriert.
Solange Obama militärischen Mitteln nicht abschwört, ist er kein entwickelter Mensch. Er unterwirft sich also nicht den realen Fakten der prinzipiell unlösbaren, ethischen Konflikte. Er versucht nicht, diese Paradoxien mit Kompromissen in Form von tragischen Trade-Offs zu lösen. Nein, er ist ganz simpel amoralisch und böse.
So einfach ist die Welt: »Wenn alle so denken und handeln würden wie ich, wäre die Welt ein besserer Ort.« Deshalb auch die weitere Beschreibung des besseren integralen Systems:

»Es bewegt sich von einem kognitiv geerdeten Multiperspektivismus zu einem erfahrungsgegründeten Vier-Quadranten-Multiperspektivismus.«

Was natürlich beinhaltet, dass man die Paradoxa weiterhin leugnet, anstatt auf sie zu reagieren. Ich brauche nicht zu betonen, dass die Wirkung gleich null wäre, wenn man die Welt nicht versteht und sie vorsichtig manipuliert, sondern nur will, dass sie so zu sein hat, wie man sie haben will:

»Es weigert sich, für “das kleinere Übel” zu stimmen und tritt stattdessen prinzipiell für Weltzentrismus und soziale Gerechtigkeit ein.«

Ein schöner grüner Gedanke.

Können wir uns jetzt bitte weiterentwickeln?

Donnerstag, 26. Dezember 2024

 

Wie Künstliche Intelligenz und Bewusstseinsentwicklung unsere Gesellschaft revolutionieren können

(Blogbeitrag an anderer Stelle vom August 2024)

Stell dir vor, wir könnten eine Gesellschaft schaffen, in der politische Entscheidungen nicht mehr durch ideologische Konflikte geprägt sind, sondern auf einer tiefen, ganzheitlichen Analyse der menschlichen Psyche basieren. Eine Welt, in der individuelle Freiheit und kollektives Wohl harmonisch miteinander verwoben sind. Mit den rasanten Fortschritten in der Künstlichen Intelligenz (KI) und unserem Verständnis der Bewusstseinsentwicklung scheint diese Vision greifbarer als je zuvor.

 

Politik der Zukunft

 

Samstag, 13. August 2022

Die Weichen für die Zukunft werden heute gestellt.


 

Die Geschichte der Evolution ist eine Aneinanderreihung der Entwicklung von Unabhängigkeiten, die es dem Leben ermöglichte, in vorher lebensfeindlichen Umgebungen zu bestehen. Vielzelligkeit, Landgang, Warmblütigkeit, ... Das sind nur einige herausragende Schritte von Milliarden solcher Entfaltungen. Immer waren sie Antworten auf existenzielle Krisen.
Auch heute stecken wir in einer bisher nie gekannten existenziellen Krise. Wie wird unsere Antwort drauf sein, um die Biosphäre dieses Planeten vor der Zerstörung durch unseren Einfluss zu bewahren? Es gibt grundsätzlich zwei mögliche Antworten. Und vielleicht werden wir beide verwirklichen.
Ein Teil der Menschheit wird den Weg der Evolution weitergehen, um sie technisch fortzusetzen. Sie wird durch höhere Komplexität mehr Unabhängigkeit erlangen und 80% der Erde in Bioreservate wandeln. Dieser Teil wird als Transhumanisten schließlich ihre Fähigkeit zu 100%iger Nachhaltigkeit über die Grenzen dieses Planeten hinaustragen, und billiardenfach die Galaxie mit Leben überschwemmen.
Ein anderer Teil mag sich in die entstehenden Bioreservate zurückziehen und in retroromantischer Verklärung der Lebensweise unserer Vorfahren versuchen, «im Einklang mit der Natur» zu leben, um sie nicht mehr zu schädigen. Sie werden sich durch den Druck des Kontextes auf wenige hundert Millionen reduzieren und schließlich durch den Ausbruch eines Supervulkans, dem Einschlag eines Asteroiden oder der Ausdehnung der Sonne aus diesem Kosmos verschwinden.
Wofür wir uns auch immer entscheiden, wir sollten uns bewusst sein, dass wir derzeit in dem nur wenige Jahrzehnte großen Zeitfenster leben, in dem sich entscheidet, welche Auswirkungen 4,5 Milliarden Jahre irdischer Entwicklung auf diesen Kosmos haben.